Pflanzen essen

Derzeit häufen sich die Berichte über „neue Erkenntnisse“ bezüglich des Schmerzempfindens von Pflanzen. Ja, Pflanzen hätten regelrecht Angstgefühle, bevor sie gegessen werden, heißt es. Zu dieser Erkenntnis ist man aufgrund von Messgeräten gekommen, die Menschen erfunden haben.

Natürlich ist es auch hier mal wieder wie mit vielen derart „neuen, wissenschaftlichen Erkenntnissen“: sie sind gar nicht neu. Schon als Kind hat mir meine Großmutter erzählt, dass Pflanzen besser gedeihen, wenn man freundlich mit ihnen spricht. Und der blühende Garten im Wohnzimmer meiner Großeltern war das beste Beispiel dafür, dass es funktioniert – ebenso wie die Pflanzen in meiner ersten Wohnung auch ein tolles Beispiel dafür waren, was passiert, wenn man sie einfach nur gießt und ansonsten ignoriert (die meisten haben es dennoch tapfer überlebt, vielen Dank an dieser Stelle an die Zimmerpflanzen meiner Vergangenheit, verzeiht mir meine Bewusstlosigkeiten..).

Im Laufe meines Lebens stieg das Bewusstsein für das Leben um mich herum immer mehr – und mein Handeln war im günstigsten Fall ein Spiegel dessen, was mir bewusst wurde. Dass einem etwas bewusst wird, ist natürlich nicht das selbe, wie das Anhäufen von Wissen. Man kann etwas sehr lange wissen, doch auf einmal wird es einem bewusst, das heißt, es nimmt einen in Besitz und ist ab sofort fester Bestandteil allen weiteren Handelns und Denkens. Neue Erkenntnisse entstehen dann ab sofort auf der Basis dieses neuen Denkens – und verändern es weiter. Das nennt man Entwicklung. Diese Entwicklung lässt sich von außen nicht steuern – wie z. B. jeder Veganer weiß, der schonmal versucht hat, das Bewusstsein eines nicht interessierten Fleischessers zu erweitern 😉

Einen solchen Entwicklungsschritt habe ich mit Anfang zwanzig gemacht, als ich aufhörte Fleisch zu essen, nachdem mir bewusst wurde, dass ein Schwein genauso leiden kann wie meine Katze (für deren Wohlergehen ich alles tat was mir möglich war), ja ein Schwein nach menschlichen Interpretationskriterien sogar noch intelligenter sein sollte als meine kluge und eigenwillige, zärtliche und umsichtige tierische Mitbewohnerin. Kurz darauf hörte ich auf, Milchprodukte zu essen, weil mir bewusst wurde, dass es sich um Muttermilch handelt, die von der Natur für Kälber gemacht ist und somit nicht gesund sein kann für den erwachsenen Menschen. Was mir zu jener Zeit noch nicht bewusst war, ist die Tatsache, WIE sehr auch Bio-Kühe und Kälber unter dem Wirtschaftsfaktor Milch zu leiden haben. Deshalb nahm ich den mir durchaus bewussten fehlenden gesundheitlichen Aspekt in Kauf und konsumierte wieder Joghurt und Käse – weil es mir schmeckte.

Ich legte immer mal wieder vegane Phasen ein und so erfreute es mich sehr, als vor einigen Jahren der vegane Trend von Amerika endlich nach Europa schwappte und seitdem rasant an Fahrt aufnimmt. Das Wort „Trend“ ist für mich übrigens in diesem Zusammenhang nicht negativ belastet, also nicht gleichbedeutend mit einer Modeerscheinung, sondern beschreibt eine nachhaltige, gesellschaftliche Entwicklung in eine bestimmte Richtung.

Auch ständige oder neue Informationen schaffen natürlich Bewusstheit (solange sie einem nicht aufgezwungen werden) – ebenso wie ein sich erweiterndes Bewusstsein neue Informationen ans Licht bringt, und da ich ja informativ bereits vorbelastet war und vegan sein auch schon ordentlich geübt hatte, fiel es mir nicht schwer, den letzten Rest an Milch und Eiern auch noch aus meinem Leben zu verbannen, nachdem nun auch das Leiden der Hühner und Kühe meine Schallmauer durchbrochen hatte. Und (teilweise zeitgleich) fand und findet nun zum Glück auch gesellschaftlich ein Bewusstseinswandel hinsichtlich der Tiere statt.

Auch wenn viele, gerade jüngere Veganer, verzweifelt sind, weil „alles so langsam geht“ und sich „nichts ändert“ und „es doch alles nichts bringt“, wenn nun nicht die ganze Welt morgen vegan lebt, so kann ich euch sagen: es tut sich eine ganze Menge – im Bewusstsein. Das sieht man ja an euch 🙂 Und das wird unweigerlich auch in der materiellen Welt sichtbar werden, das Gesetz der Anziehung ist ein Naturgesetz, Gedanken werden Dinge.

Zum Wandel gehört aber eben auch immer der Widerstand gegen die Veränderung. Es muss sich nochmal aufgebäumt und alle Register müssen nochmal gezogen werden. Die Visionäre werden immer gebremst von den Menschen, die sich auf Traditionen berufen, von den Bequemen, den Beständigen – doch das muss so sein, auch die Konservativen gehören zu uns, auch sie haben ihren Anteil am Bestehen einer Gesellschaft; sie bewahren uns günstigstenfalls vor den Folgen eines blinden Aktivismus und zumindest prüfen sie – meist unbewusst natürlich 😉 – wie ernst es den Weltverbesserern ist. Das hat zur Folge, dass vor einem echten Umbruch alles immer noch schlimmer zu werden scheint (es wurde nie soviel geschlachtet wie heute trotz des Rückgangs des Fleischverzehrs in Europa) – und natürlich hat es auch zur Folge, dass man sich als „Träumer“ den haarsträubendsten Argumenten für die Beibehaltung des Althergebrachten gegenüber sieht.

Eines der zur Zeit angesagtesten, weil ja auch noch wissenschaftlich untermauerten, dieser Argumente ist nun also: „Aber Pflanzen haben auch Schmerzen, wenn man sie isst. Und sogar Angst.“ Ja. – Und? Das will ich gar nicht bestreiten. Kann ich auch nicht. Dass Pflanzen fühlende Lebewesen sind, hat mir ja schon meine Oma bewiesen. Das Ärgerliche an dieser Aussage ist jedoch, dass es dem so argumentierenden Menschen gar nicht um die Pflanzen geht, sondern darum, sein Steak zu verteidigen. Und aus dieser Sicht hinkt das Argument schon beim zweiten Hinhören. Denn selbst wenn es stimmen würde, dass Pflanzen nicht gegessen werden wollen: zum einen isst man zum Steak Salat, es haben somit Tiere UND Pflanzen gelitten – doch noch wichtiger: um das Steak herstellen zu können, braucht das Tier ein Vielfaches an Pflanzennahrung von dem, was wir gebraucht hätten, würden wir die Pflanzen direkt essen und die Nährstoffe nicht über den Umweg „Steak“ zu uns nehmen. Das Argument ist also definitiv keins, selbst wenn die Grundaussage stimmen würde.

Andere Menschen wiederum haben nun Sorge, dass es stimmt, was da im Labor gemessen wurde und fühlen sich schlecht bei dem Gedanken, dass jetzt Pflanzen für sie leiden müssen. Ja, sage ich, das ist möglich. Doch hier muss jeder (wie auf dem gesamten veganen Weg) für sich eine individuelle Entscheidung treffen. Manche mögen sich dazu in der Lage fühlen, in Zukunft von Luft und Licht und Liebe zu leben, ich habe gehört, dass es Menschen gibt, die das können. Diese Menschen scheinen in ihrem Bewusstsein schon einen Schritt weiter zu sein.

Allen anderen einschließlich mir selbst kann ich hier nur raten, ihren körpereigenen Messgeräten, also ihrem Instinkt zu vertrauen und der sagt mir: ich würde nicht auf die Idee kommen, einem Hasen oder einer Kuh hinterher zu jagen, und es würde in mir große Widerstände hervorrufen, diese töten zu sollen – einen Apfel zu pflücken fällt mir jedoch überhaupt nicht schwer. Meine menschlichen Sinne nehmen sehr wohl ohne die Hilfe von Messgeräten wahr, dass ein Tier Angst hat, sich am Leben freuen kann und seine Kinder liebt – und nicht umsonst möchte kein Mensch sehen und hören, was in Schlachthäusern vor sich geht. Doch wenn ich Salat esse, „höre“ ich nichts und fühle keinen Widerstand. Also scheint das momentan meinem Bewusstseinsstand entsprechend die richtige Nahrung für mich zu sein.

Dennoch: ich bin überzeugt davon, dass auch Pflanzen auf ihre Weise fühlen. Sie sind ein Teil der Natur, genauso wie Tier und Mensch. Und jedem Leben sollten wir respektvoll gegenüber treten, dankbar sein, wenn es uns ernährt und es nicht sinnlos verschwenden. Und wenn die Menschheit erst einmal vegan geworden ist, dann können wir ja über den nächsten Schritt nachdenken.

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