Empathie

Also, anstatt dich um Tiere zu sorgen, solltest du besser mal den Flüchtlingen helfen. hörte ich mal. Also anstatt euch um die Flüchtlinge zu kümmern, solltet ihr euch besser mal mit den Menschen aus eurem Land befassen, da gibt es genug, denen es schlecht schlecht geht. hörte ich auch mal. Also anstatt ständig irgendwelchen Fremden zu helfen, solltest du dich lieber mal um deine Familie kümmern. hab ich auch schonmal gehört. Also anstatt dich um die Probleme der anderen zu kümmern, solltest du lieber mal deine eigenen lösen. Wir können ja nicht die Welt retten. auch das noch. Interessanterweise helfen viele der Leute, die das „ganz realistisch“ sehen, dann doch lieber gar keinem, noch nicht mal sich selbst. Weil sie ja nicht die Welt retten können.

Doch die, die eben tun, was gerade anliegt, sind die echten Realisten und haben meist gar nicht den Anspruch, die Welt zu retten. Ich finde nicht, dass es meine Aufgabe ist, die Welt zu retten. Ich mache mir ehrlich gesagt gar keine sorgenvollen Gedanken darum, denn am Ende rettet die Welt sich sowieso selber. Ob die Menschheit das überlebt, ist eine andere Frage und der Welt wahrscheinlich egal. Aber ich bin nunmal jetzt hier – und ich tue das, wozu es mich treibt, solange sich dieser Antrieb richtig und gesund anfühlt. Grundsätzlich treibt den Menschen der Wunsch, zu helfen und Leiden zu vermeiden. Selbst Fleischesser wollen eigentlich nicht, dass Tiere leiden. Und selbst Menschen, die der „Flüchtlingsfrage“ bisher „kritisch“ gegenüberstanden, gehen auf einmal mit Flüchtlingen einkaufen oder helfen ihnen, deutsch zu lernen. Der Mensch ist eigentlich gut. Punkt. Doch weil er denkt, die Welt nicht retten zu können, fängt er manchmal noch nichtmal bei sich selber an. Und entscheidet sich für Kontrolle statt für Vertrauen. Für Misstrauen statt für Empathie. Für eine vermeintliche Sicherheit durch Macht.

Doch manchmal kann sich selbst der misstrauische Mensch nicht wehren. Da sieht er plötzlich ein Bild – und alle Argumentationen verlieren sich in dem Nichts, wo sie hingehören. Oder er sieht Menschen, die Flüchtlinge klatschend empfangen und fühlt sich auf einmal als einer von ihnen – und findet sich gut. Und das ist gut, das ist positive Motivation, das ist die Antwort auf die Fragen graubrauner Montagsdemonstrationen. Die einzig richtige Antwort. Er fühlt sich sogar auf einmal als Flüchtling, der klatschend und mit Essen und Kleidung empfangen wird. So wie es einem Flüchtling gebührt, so werden sie endlich auch empfangen. Vergessen sind zwar leider die „illegalen Einwanderer“ der letzten Jahrzehnte, die ebenso kaputt von der Flucht und völlig hilflos und allein an deutschen Bahnhöfen ankamen und noch nichtmal wussten, wo sie aussteigen müssen, weil die Schrift auf den Schildern nicht die gleiche war, die sie in der Schule gelernt haben. Vergessen sind leider auch die vielen, vielen kleinen Jungen, die schon seit Jahrzehnten auf der Flucht ertranken.

Vergessen sind aber auch die „klugen“ Reden, die manch einer zur Flüchtlingsfrage noch vor zwei Wochen in der Frühstückspause von sich gab. Und das ist gut so. Es ist nämlich nie zu spät, einfach bei Null anzufangen. Bei sich selber. Und das zu tun, was der Mensch eigentlich gerne tut: unterstützen, helfen, trösten, lachen, teilen und beschützen. Für eine Welt für alle. Damit die Welt sich nicht irgendwann mal vor uns retten muss. Und wenn jeder einfach bei sich anfängt und dann diese Eigenschaften ausdehnt auf die Lebewesen um ihn herum, soweit, wie es die eigenen Kräfte und Möglichkeiten zulassen, und jeder auch gleichzeitig dafür Sorge trägt, dass eben diese eigenen Kräfte auch wieder aufgefüllt werden – und zwar ohne dabei irgendeinem Lebewesen etwas wegzunehmen (auch nicht das Leben) – dann ist alles gut. Wenn jeder in diesem Sinne nur für sich Sorge trägt, ohne die Welt retten zu wollen, dann hat er tausendmal mehr für eine friedliche Welt getan als jemand, der seine Zeit dafür benutzt, zu warnen und zu analysieren, wen man nun zuerst retten müsste oder ob es (einem) überhaupt was bringt.

4 Gedanken zu “Empathie

  1. Am besten finde ich immer, wenn man Sachen zu hören bekommt wie „Du bist vegan, aber für dich sterben auch Tiere bei der Ernste, du nutzt auch Plastik, Benzin etc“. Alles klar, also besser gar nichts tun als so viel wie eben möglich ist.. und das von Leuten, die selber gar nicht drüber nachdenken.

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    • ja, da hast du recht – besonders als Argument für das Fleischessen eignet es sich überhaupt nicht (im Gegenteil), denn jeder kann eben nur das tun, was in seinem Umfeld gerade möglich ist und versuchen, sowenig Leid auf der Erde wie möglich zu verursachen. Und in einer Gesellschaft, die in fast allen Bereichen auf Tierleid (und auch Menschenleid!) basiert, ist es eben (noch) nicht möglich, das Mitverursachen von Leid auszuschließen. Würden jedoch alle darauf achten und bewusster werden, nur in ihrem eigenen Dunstkreis, ginge es vielen Menschen und Tieren sehr viel besser.. vegan zu sein ist ein ständiger Prozess, der immer noch steigerungsfähig ist und bezieht sich auf die Vermeidung von Leid, wo immer es einem bewusst wird und möglich ist – wollte man von Anfang an hundertprozentig vegan sein, dann bräuchte man tatsächlich gar nicht anzufangen. Vielleicht interessiert dich dazu auch mein Artikel Vegan, veganer, am vegansten … 🙂

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  2. Ich denke, dass jeder das tun sollte, was für ihn halt stimmt. Die einen können mehr tun, die anderen halt gerade nicht – was mich zugegeben auch immer wieder nervt, aber ich möchte halt glauben, dass sie’s tun würden, wenn sie es denn könnten. Oft (oder sehr, sehr oft) hat solche Kritik ja mit Selbstvorwürfen zu tun. Vor allem jetzt auch gegenüber Veganern. Ich sage dann zwar gar nichts, und doch pöbelt der andere, weil ich was Veganes esse. Warum? Weil er eigentlich mit sich selbst im Konflikt ist, weiss, dass mit dem, was er da gerade ist, Tierleid und anderes verbunden ist, er aber doch irgendwie nicht anders kann. Und dann ist er eigentlich wütend und unzufrieden mit sich selbst, projiziert es aber auf mich, da ich ihm dieser unangenehme Spiegel bin. Natürlich nerven solche Aussagen und Pöbeleien, aber es ist ja immer auch an mir, was ich damit mache, wie nahe ich es an mich heran lasse. Und was ich hinein interpretiere. So sagt es zumeist ja so viel mehr über den anderen aus, als über mich…

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