Friede, Freude, Eiklar

Bei dem Versuch und dem Bestreben, durch sein Leben so wenig Leid wie möglich zu verursachen, sollten nicht Wortdefinitionen und Haarspaltereien im Vordergrund stehen. Es geht nicht darum, ob man beispielsweise als Veganer ein Produkt gegessen hat, in dem nun doch etwas Milchpulver oder Eiklar war (außer man ekelt sich inzwischen davor oder hat eine Lebensmittelallergie). Es geht – ja tatsächlich – um den Gedanken, der zählt. Übrigens oft auch bei Allergien, aber das ist eine andere Geschichte..

Durch die Konzentration auf das Kleinliche verändert sich die Gesinnung schnell ins Negative, wenn man nicht achtsam bleibt. Echte Veränderungen veranlassen wir nicht, indem wir uns vorrangig auf spezifische Einzelheiten fokussieren, wobei auch das innerhalb des Prozesses seinen Platz hat. Doch wir müssen auch diese Perspektive wieder loslassen können, sonst blockieren wir selber die Entwicklung, die wir sehen möchten. Was nützt es zum Beispiel dem Tier, wenn alle veganen Produkte super geprüft und gekennzeichnet werden, um sich von den anderen abzuheben – solange diese anderen Produkte nicht weniger werden. (Wusstet ihr übrigens, dass oft „von Natur aus“ vegane Produkte wie Apfelstrudel oder Zartbitterschokolade weniger von Mischköstlern konsumiert werden, wenn nun vegan draufsteht? aber das nur am Rande..) natürlich bin auch ich dafür, vegane Produkte zu kennzeichen, es erleichtert den Einkauf ungemein und es macht die Bevölkerung vertraut mit einem neuen Begriff, der wohl übergangsweise notwendig ist.

Doch das ist nicht das Ziel. Das ist eine Etappe, und es ist auch – zunächst mal – ein positives Symbol. Jedenfalls für Menschen, die jetzt schon vegan leben.. Das Ziel ist es auch nicht, dass Tierqual gesetzlich verboten wird – wobei auch das wichtig ist, solange Menschen Gesetze brauchen, um sich anständig zu verhalten. Doch bei all den kleinen Baustellen, an denen wir arbeiten, ist es für den eigentlichen, sozusagen den großen und ganzen Gedanken enorm wichtig, dass wir immer mal wieder einen Schritt zurücktreten, um uns dieses große Ganze anzusehen. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Gleichberechtigung von schwulen und lesbischen Paaren, gleiche Menschenrechte und eine Welt für alle oder die Religionsfreiheit (inklusive der Freiheit, sich von der Religion zu befreien) sind in meinen Augen gleichzeitig sowohl Etappen als auch Grundlagen auf dem Weg zu einem respektvollen Umgang miteinander. Doch auch, wenn wir mit der Arbeit an diesen Grundlagen niemals fertig werden, auch wenn das Ziel immer wieder vor uns wegzulaufen scheint und der Abstand sich nicht verringert, weil wir immer noch etwas Neues finden, das wir verbessern können – das nennt man dann wohl Leben – so ist es dennoch dieses Ziel, das uns weitergehen lässt und unseren Weg beleuchtet. Wie ein Stern, der uns führt – obwohl die Distanz nicht kleiner wird (na, ist das mal eine Brücke zum Weihnachtsfest…?! 😉 ) 

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Der Weg und das Ziel sind für mich eine allgemeine Bewusstseinsveränderung im Hinblick auf alles, was man seinen Mitlebewesen antun darf, das Bewusstsein, wie weit man gehen darf für die eigenen emotionalen und materiellen Bedürfnisse, das Bewusstsein, wie Respekt wirklich gelebt wird. Denn auch davon hängt nicht zuletzt unser Überleben auf diesem Planeten ab (vielleicht auch das Überleben des Planeten selber, aber da bin ich mir nicht so sicher.)

Neben den Etappen und Symbolen, die auf diesem Weg in einer Gesellschaft nötig sind, muss gleichzeitig der Gedanke weiterbestehen und sich somit immer mehr stabilisieren, denn der Gedanke ist tatsächlich der rote Faden. Der Gedanke ist der Stern und der Weg. Der Gedanke, der aufrecht erhalten, weitergegeben und genährt wird, ist es, der zwar eher unauffällig, aber beharrlich die Dinge verändert. Echte Veränderungen passieren von innen nach außen, der Gedanke erschafft die Materie – und wenn wir jeden Tag soviel Energie darauf verwenden, darauf zu achten, dass unsere Gedanken friedlich sind (und ich weiß genau, das kostet jeden Tag viel Kraft 😉 ), und jeder nur bei sich selber darauf achtet, dass er immer öfter das Richtige tut – und denkt – dann bringt uns das weiter, als wenn wir es gar nicht erwarten können, unserem veganen Mitmenschen zu erklären, dass er gar nicht in echt vegan ist, weil der Essig über seinem Salat mit Gelatine gefiltert wurde, ätsch.

Eine freundliche und aufmerksame Gesinnung bringt uns weiter, als „erzieherische“ Macht auszuüben oder auch „nur“ zu urteilen über erwachsene Menschen, ihnen sogar vorschreiben zu wollen, welche Tätigkeit ihr Leben mit Sinn erfüllt oder welchen Partner sie lieben sollen – und welche(n) nicht. Und auch wenn es immer wieder schwer fällt: Wohlwollen motiviert vielleicht langsamer aber sehr viel nachhaltiger als Wut und Vorschriften. Auch beim Essen.

Und das gilt natürlich auch für’s Weihnachtsessen: wenn ein mit Liebe gekochter Rotkohl der Großmutter nun doch ein Stück Butter enthält, dann lass, wenn du vegan lebst, deine Entscheidung, wie du damit umgehst, von dem Gedanken leiten, der dein roter Faden ist. Es ist nicht so schwer wie mancher denkt, etwas nicht zu essen und dennoch freundlich zu sein. Und falls du den Kohl doch isst, dann isst du ihn ja nicht, weil Butter drin ist, sondern trotzdem. Du isst ihn, weil die Oma ihn gekocht hat und weil du sie gern lächeln siehst und vielleicht hatte sie ja schon extra wegen dir ein bisschen mehr Gemüse gekocht, weil du keine Gans essen magst 🙂

Der vegane Gedanke hat mehr mit Frieden zu tun als mit Perfektion – zunächst mit innerem Frieden, der dann bestenfalls nach außen strahlt. „Erkenne dich selbst“, erkannte einst schon Sokrates. Weihnachten kann eine gute Gelegenheit sein, genau das zu kultivieren. Man könnte noch hinzufügen: An deinen Gedanken erkennst du dich selbst. Doch auch an den Gedanken, die du gerne denken möchtest, es aber noch nicht kannst, erkennst du dich, denn sie sind sozusagen dein Ziel, dein Stern, deine Berufung, deine tägliche Herausforderung, dein Glück. Und letzten Endes profitieren alle Lebewesen, aus denen dieser Planet besteht, von guten Gedanken, auch von denen der Oma, die ihre Liebe nun gerade mit Rotkohl ausdrückt – eine fröhliche Oma wiederum produziert mehr friedliche Gedanken als eine traurige und vielleicht ist beim nächsten Weihnachtsfest die Butter auch für sie gar kein Thema mehr und Eiklar und Milchpulver sind aus den Keksen im Supermarktregal verschwunden, ohne dass es jemand gemerkt hat. Und das nur, weil wir alle beharrlich unsere friedlichen Gedanken gehegt und gepflegt und gelebt (!) haben.

Frohe Weihnachten.

2 Gedanken zu “Friede, Freude, Eiklar

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