man darf gar nicht drüber nachdenken

„Man darf gar nicht drüber nachdenken.“ Diesen Satz höre ich immer wieder mal von Menschen, die mich umgeben, die meisten davon grundsätzlich bestrebt, ihre Werte zu leben, offen zu sein für Neues, kritisch zu hinterfragen, sich selber als „alles aber nicht spießig“ empfinden – und die auch mich schätzen und mögen einschließlich der Tatsache, dass ich nichts esse, wofür Tiere leiden und sterben, also kein Fleisch, keine Eier, keine Milchprodukte.

Menschen also, die ziemlich genau wissen, warum ich vegan esse, die meine vermeintliche Disziplin teilweise sogar bewundern und mit denen ich mich, während der eine seine Bratwurst kaut und der andere seinen Milchkaffee genießt, über ganz alltägliche Themen wie Urlaub, Beziehungen, Arbeit oder das Fußballspiel vorgestern Abend (bei dem die Deutschen selbstverständlich viel besser gespielt haben als die Franzosen, aber der Sieg eben einfach nicht sein hatte sollen) unterhalten kann. Das Thema Vegan ist in diesen freundschaftlichen Runden nicht Dauerthema, wird jedoch auch nicht krampfhaft ausgeklammert, ehrliches Interesse ist vorhanden und wird auch nicht unterdrückt, so kommt auch immer mal die ein oder andere ernstgemeinte Frage vorzugsweise bezüglich Gesundheit, Gewichtsreduktion und Nährstoffversorgung, die ich so gut ich kann beantworte.

Doch spätestens beim Streifen des Themas Nutztierhaltung fällt von mindestens einem in der Runde oft in Begleitung zustimmenden Nickens der anderen dieser Satz: „ja man darf gar nicht drüber nachdenken“. Auch der Vegetarier „darf“ es nicht, das Nachdenken, wenn es um sein Spiegelei oder den Mozzarella im Salat geht. Und immer mehr frage ich mich: was bedeutet eigentlich so ein Satz? Sage ich diesen Satz auch manchmal oder habe ich ihn mal gesagt? Was bedeutet es für mich, wenn ich so einen Satz sage – oder höre?

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Zunächst einmal habe ich festgestellt, bedeutet dieser Satz in diesem Zusammenhang oft tatsächlich etwas Positives: da ist sich jemand der Problematik bewusst, da findet es jemand auch doof, was mit Lebewesen, die Leid genauso wenig verdienen wie sein Haustier, passieren muss, damit der Mensch Kaffee Latte trinken oder ein Steak essen kann. Empathie, Einsicht und Interesse zeichnen die meisten der Menschen aus, die ich zu meinen Freunden zählen darf. Gleichzeitig jedoch sagt dieser Satz: ich will diese Einsicht eigentlich gar nicht, ich „darf“ nicht zu emphatisch sein, denn es versaut mir den Tag und ändern kann ich doch eh nichts.

In manchen Zusammenhängen kann das stimmen. Zum Beispiel, wenn ein Veganer diesen Satz im Zusammenhang mit Tierqual sagt. Oder wenn man erfährt, wie häufig schwarze Amerikaner von Polizisten erschossen werden. Dann könnte auch ich mich diesen Satz sagen hören. Wenn jedoch ein Steakesser oder ein Vegetarier bei seiner Pizza Margherita diesen Satz sagen in Bezug auf die Zucht und Haltung von Tieren durch den Menschen, ist es nicht immer einfach, zustimmend zu nicken, ohne den Satz zu kommentieren zumindest mit einem begeisterten: „doch, denn die gute Nachricht ist: als denkender Mensch darf und MUSS man sogar darüber nachdenken angesichts der sofortig umsetzbaren Möglichkeit, einen Zustand, den man ja gerade mit dem Satz verurteilt hat, zumindest nicht mehr aktiv und bewusst zu fördern.“ Manche Menschen sind ja sogar der Ansicht, dass uns diese Fähigkeit zum Nachdenken von Tieren nicht nur unterscheidet, sondern wir Menschen aus diesem Grunde mehr Wert sind und deshalb hier auf Erden das Sagen haben sollten.

Ja manchmal kann es ehrlich gesagt kurzfristig sogar einfacher sein, halbinformierte Sprücheklopfer zum Thema Vegan zu akzeptieren, die es oft tatsächlich (noch) nicht besser wissen und dich eher ungefragt darüber informieren, dass der Mensch schon immer Fleisch aß, dass aber Kühe doch gemolken werden müssen und du ihrem Essen das Essen wegisst LOL; sie würden nie diesen Satz sagen, weil sie nicht mal wüssten, worüber sie nicht nachdenken möchten. Manche, weil sie grundsätzlich Hintergründe nicht kritisch hinterfragen und es zu ihrer Persönlichkeit und Lebensgestaltung gehört, das zu tun, was man eben so tut, weil es alle tun. Die glauben, weil etwas (zurzeit) legal ist, es auch das Richtige sei. Andere jedoch – und hier liegt tatsächlich oft die größte Überraschung für manchen Veganer (in deren Genuss nur die kommen, die nicht allen „Sprücheklopfern“ mit Widerstand und Vorurteilen begegnen), weil es ihnen einfach noch nie jemand gesagt hat, wie die Milch in ihren Kaffee kommt und der Schinken in die Fleischtheke. Komischerweise wird das nämlich nicht in den Schulen gelehrt. Und hier gibt es tatsächlich und wunderbarerweise Kandidaten, die nach der ersten Konfrontation mit der Wahrheit so schockiert sind, dass sie sofort ihr Verhalten anpassen.

Bei Menschen jedoch, die das Problem tatsächlich sehen und die man ansonsten als sich selbst reflektierende, emphatische und tierliebe Leute kennengelernt hat, beinhaltet das innere Loslassen, auf die Paradoxie und Ironie dieses Satzes hinweisen zu wollen, oft einen emotionalen und intellektuellen Spagat gleichzeitig. So sage ich nun also meistens nichts, denn der Satz beinhaltet ja rein formal auch keine Frage. Und auf keinen Fall möchte ich eine latent vorhandene Offenheit von  interessierten und eigentlich gut informierten Menschen eventuell wieder verschließen. Und natürlich kann ich nicht aufgrund eines Satzes jemanden einordnen. Ich konzentriere mich weiterhin auf das Positive, was ich diesem Satz entnehme, dass nämlich das Bewusstsein für die Lösung potentiell vorhanden ist und es bei einem integren Menschen, der bestrebt ist, im Laufe seines Lebens sein Tun und Wissen und Denken in Einklang zu bringen (was meiner Meinung nach für jeden Menschen, ob vegan oder nicht, die gesündeste Lebensform ist), irgendwann zwangsläufig zu einer Verhaltensänderung führt. Zumal es heutzutage, Internet, WordPress und Facebook sei Dank, kaum möglich ist, sich weiteren Informationen, wenn man sich einmal diesem Thema innerlich zugewandt hat, dauerhaft zu entziehen.

Mit den persönlichen Assoziationen, die mich dann manchmal regelrecht überfallen, komme ich inzwischen relativ gut zurecht. Zum Beispiel wie dieser Satz auf die Kuh wirken würde, die sich als Milchmaschine kaum noch auf den Beinen halten kann und sich an die Dauertraurigkeit über den Verlust von einem weinenden Kalb nach dem anderen und dem Warten (und Herbeisehnen?) auf den Tod gewöhnt hat. Oder wie die quasi im Liegen fixierte Muttersau, die zwar als Nuckelflasche für ihre Kinder fungiert, jedoch aufgrund der Unfähigkeit, sich zu bewegen, keines davon jemals liebevoll umsorgen darf und kann und die nur einmal in ihrem Leben das Tageslicht sieht, nämlich wenn sie zum Schlachthof fährt, diese Aussage und die (vielleicht manchmal nur scheinbare) Gedankenlosigkeit dahinter empfinden würde.

So atme ich also meist schweigend durch und denke daran, wie schwer es für manche Menschen ist, die Chance erkennen zu wollen, die jeder Mensch hat, wenn er sich selber diesen Satz sagen hört, der ja, egal in welchem Zusammenhang, eigentlich danach schreit, zumindest hinterfragt zu werden. Wie schwer es für manchen ist, das Naheliegendste einfach zu tun, auch ich kenne das natürlich. Allerdings ist mir auch bewusst, dass viele genau das schon längst getan haben: dass sie bereits im Veränderungsprozess sind und es momentan einfach noch nicht spruchreif ist, sie sich nicht festnageln lassen möchten.  Und auf keinen Fall möchte ich mich ungefragt in diesen Prozess einmischen, den ich sehr gut verstehe, siehe zu dem Thema auch meinen Artikel vegan, veganer, am vegansten?.

Natürlich kann dieser Satz auch einfach nur bedeuten, was er beschreibt: dass jemand es sich selbst verbietet (denn ein Verbot seitens einer Obrigkeit wie z. B. der Regierung können wir im derzeitigen Deutschland zum Glück ausschließen), über etwas nachzudenken. Warum? Vielleicht damit sein Verhalten nicht einer sonst möglichen Erkenntnis angepasst werden muss. In diesem Fall wäre auch meine beste Argumentation reine Energieverschwendung – denn es geht ja, wie gesagt, oft um ansonsten gut informierte Menschen, die meist gar kein Interesse daran haben, die vegane Lebensweise zu kritisieren, weil ihnen die meisten Argumente dafür schon bei näherem Nachdenken selbst bewusst werden. Und es geht interessanterweise meist um Menschen, die dazu neigen, eher zu viel nachzudenken.

Kommentarlosigkeit zu diesem Satz um der Empathie Willen mit dem Menschen, der auf seinem eigenen (und vielleicht sogar schon veganen) Weg ist und in dem Wissen, dass es den Tieren langfristig mehr bringt, wenn man im rechten Moment das eigene Ego zum Schweigen bringt, erfordert von mir tatsächlich Disziplin. Vegan zu leben hingegen fordert von mir keinerlei Disziplin – sondern ist lediglich die Konsequenz bei der Umsetzung eigener Erkenntnisse, was sich oft als viel einfacher herausstellt, als gegen die eigenen Überzeugungen leben zu müssen und zu wissen, dass man an Missständen aktiv beteiligt ist, über die man sich ständig verbieten muss, nachzudenken. Denn wie sagt der sogenannte Spießer, der ja wieder keiner gewesen sein will: wer weiß, ob das überhaupt was bringt – und wenn, wo kommen wir denn da hin?! 😉

Ich kann nur sagen, wenn wir uns das Nachdenken erlauben und es mit entsprechendem Handeln beantworten, dann können wir ganz weit kommen. Es ist ein spannendes Abenteuer und gleichzeitig auch eine entspannende Reise, die in jeder Hinsicht erleichternd sein kann und deren Verlauf und Tempo übrigens jeder selber steuert. Fast alle mir bekannten Veganer bestätigen, dass die bei dem ein oder anderen anfängliche Angst vor Verzicht, Misserfolg oder gesellschaftlicher Ächtung abgelöst wurde durch Dinge, auf die sie nie wieder verzichten möchten: eine Vielzahl neuer Möglichkeiten und neuer Erkenntnisse, ein neues Körpergefühl, neue Geschmackserlebnisse – und die Erlaubnis, über ganz neue Dinge nachzudenken. Also traut euch 💙

 

 

 

 

8 Gedanken zu “man darf gar nicht drüber nachdenken

  1. Ernst Toller hat einmal in einem ganz anderen Zusammenhang das unten stehende gesagt. Und es leuchtet mir ein. Es ist ein Mangel an Fantasie, nicht ein Mangel an Empathie, der die Menschen das Leid der Tiere und das Unrecht ihnen gegenüber nicht nachvollziehen, nicht spüren und ihr Verhalten nicht ändern lässt.

    „Ich glaube nicht an die „böse“ Natur des Menschen, ich glaube, daß er das Schrecklichste tut aus Mangel an Phantasie, aus Trägheit des Herzens.
    Habe ich nicht selbst, wenn ich von Hungersnöten in China, von Massakern in Armenien, von gefolterten Gefangenen auf dem Balkan las, die Zeitung aus den Händen gelegt und, ohne innezuhalten, mein gewohntes Tagewerk fortgesetzt? Zehntausend Verhungerte, tausend Erschossene, was bedeuten mir diese Zahlen, ich las sie und hatte sie eine Stunde später vergessen. Aus Mangel an Phantasie. Wie oft habe ich Hilfesuchenden nicht geholfen. Aus der Trägheit meines Herzens.
    Würden Täter und Tatlose sinnlich begreifen, was sie tun und was sie unterlassen, der Mensch wäre nicht des Menschen ärgster Feind.
    Die wichtigste Aufgabe künftiger Schulen ist, die menschliche Phantasie des Kindes, sein Einfühlungsvermögen zu entwickeln, die Trägheit seines Herzens zu bekämpfen und zu überwinden.“ – Ernst Toller, „Eine Jugend in Deutschland“

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  2. Danke für den schönen Artikel!
    Ich selbst kenne diesen Satz auch von mir, doch nun tu ich endlich was. Ich denke, dieser Satz ist wirklich, wie Du schreibst, ein Zeichen für einen Prozess, der stattfindet, im Inneren. Derjenige weiß, was passiert, wenn er sich das doch mal bewusst und ehrlich anguckt – es wird ihn nämlich die Erkenntnis treffen, dass er seine Ernährung umstellen muss. Und das wollen eben viele – vermeintlich – nicht, weil es ihnen – noch – so gut schmeckt. Aber ich denke am Ende dieses Prozesses wird eine Entscheidung fallen, die richtig ist.
    Und ich stimme Dir zu, es bringt nichts, die offensichtliche Un-Logik des Verhaltens anzusprechen, der andere wird sich nur ertappt fühlen und das ist nicht dienlich. Positives Vorleben und freundliches Verbreiten wichtiger Gedanken – das ist aus meiner Sicht das Mittel der Wahl.
    Grüße
    Birte Will-Nachhaltigkeit

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