vegane Wirtschaft

Ganz ehrlich: alles, was die Welt kurz- und langfristig veganer macht, ist mir recht. Natürlich verstehe ich die Beweggründe einiger Veganer, den Kauf von Sojaaufschnitt und Co. ansonsten fleischproduzierender Firmen zu kritisieren und finde es wichtig, diese auch zu kommunizieren. Dennoch: Ich muss nicht erst warten, bis alle Menschen und Kleinunternehmen und Großkonzerne tierlieb geworden sind oder Respekt vor dem Leben haben. Ich muss auch nicht darauf warten, dass die ganze Menschheit links wählt oder den Kapitalismus abgeschafft hat – oder herausgefunden hat, dass die Welt auch dann nicht zwingend besser sein muss. Ich will nicht warten auf eine veganere Welt, bis die Gesellschaft eine bessere geworden ist und sich nicht mehr nach wirtschaftlichen Entwicklungen richtet. Das wäre auch dumm, denn trotz aller Verzerrungen spiegelt die Wirtschaft letztendlich Trends wider, also das, was ein Großteil der Menschen will  – und fördert diese, wenn es sich lohnt. Wirtschaftlich lohnt natürlich. Das ist grundsätzlich erstmal nichts Gutes oder Schlechtes, sondern sowohl kurz- als auch langfristig ein Spiegel der Gesellschaft.

Der Trend zum Veganismus hat bereits vor Jahrzehnten begonnen – doch jetzt erst sehen wir hier in Europa die wirtschaftliche Antwort: Vegane Kochbücher und veganes Hack inzwischen sogar von Fleischproduzenten. Und ganz viel Geschrei von nichtveganen Gesundheitsexperten. Das nervt zwar, ist aber ein gutes Zeichen, denn es zeigt: da meinen Fachleute und Industrien sich wehren zu müssen. Das haben sie vor 20 Jahren, als ich die ersten Bücher zur veganen Ernährungsweise las, noch nicht für nötig gehalten. Da gab es in Deutschland mal ein tätschelndes Lächeln für die Vegetarier und vielleicht mal einen jovialen Artikel zu diesem Außenseiter-Thema im Stern.. Damals gab es auch noch keine sofortige Assoziation mit einem B12-Mangel in den Köpfen der Fleischesser, der Experten, der Vegetarier und schon gar nicht in denen der strengen Vegetarier, auch vereinzelt schon Veganer genannt. Man könnte fast meinen, die Pharmaindustrie will sich absichern, damit sie wenigstens noch Geld mit Vitaminen für Veganer verdienen kann, wenn die Welt erstmal vegan geworden ist 😉 So wie auch die Fleischindustrie schonmal langsam, aber emsig anfängt, auf vegan umzustellen.

Ich will auch nicht warten, bis alle Lebensmittel fair oder bio sind oder es nur noch kleine Lebensmittelmanufakturen gibt, die gleich mit vegan angefangen haben. Es wird immer Leute geben, die hier lieber einkaufen und Leute, die dort lieber einkaufen, aus welchen Gründen auch immer. Vegan können sie inzwischen alle werden, ohne sofort ihre Gewohnheiten ändern zu müssen. Natürlich gibt es eine Menge problematischer Entwicklungen in der freien Wirtschaft und Initiativen, diesen etwas entgegenzusetzen, also bewusster zu konsumieren und zu schauen, wen man unterstützt mit seinem Kauf. Das wiederum ist jedoch kein veganes Problem, zeigt sich natürlich aber auch in der Herstellung und dem Vertrieb veganer Lebensmittel und Konsumgüter. Ich freu mich dennoch, dass inzwischen jeder Mensch vegan konsumieren kann, auch wenn ihn der Rest (noch) nicht interessiert.

Ich muss auch nicht darauf warten, bis der vegane Trend sich in den Zahlen der weltweit geschlachteten Tiere wiederspiegelt, bevor ich das Gefühl habe, etwas zu bewirken, denn langfristig wird er genau das tun. Wenn wir ihn auch wirtschaftlich unterstützen, jeder seinem sonstigen Denk-und Lebensstil entsprechend. Ich persönlich benötige keine extra veganen Produkte, ich esse und trinke das gleiche wie vor zwanzig Jahren, bloß ohne Butter und Käse. Doch ich muss nicht darauf warten, dass alle Menschen merken, dass man auch ohne Fertigprodukte leben kann, egal ob man vegan lebt oder nicht. Das ist heutzutage zum Glück nicht mehr nötig in der Welt der Ersatzprodukte. Und genau genommen geht es ja auch gar nicht nur um einen notwendigen Ersatz für den Konsumenten von Fleisch und Milch, der hier wirklich zählt – nein, die Wirtschaft ist es, die langsam händeringend nach Ersatz sucht, mit dem sie auch langfristig weiterhin Geld verdienen kann. Und wenn schon Großkonzerne erkennen, dass Tiere essen ein Auslaufmodell ist und ihr Marketing langsam darauf richten, dass nun der Verbraucher „Ersatz“ braucht, dann können wir uns echt erstmal kurz beglückwunschen für diesen Etappensieg. Und dann ungebremst weitermachen natürlich, denn jetzt geht es ja erst richtig los.

Doch es ist ein Sieg des Verbrauchers, dass selbst Großkonzerne mit ihrer erfolgreichen jahrzehntelangen volksverdummenden Werbekampagne für die Lebenskraft im Fleisch und der es was auch immer machenden Milch einen immer größer werdenden Teil des Volkes nicht mehr erreichen, sondern von Veganern in die Knie gezwungen werden, ihre Wirtschaftspolitik zu verändern. Das ist ja nicht von heute auf morgen passiert, die ersten Energie-Wellen der Veganer sind vor Jahrzehnten losgeschickt worden, vor etwas über fünf Jahren erreichte diese Strömung dann viele Otto-Normal-Facebook-Verbraucher und Vegetarier – und jetzt erreicht sie durch diese wiederum die Großindustrie, die nun merken muss, dass sie dem Verbraucher nicht mehr durch schlaues Marketing das wirtschaftlich rentabelste verkaufen kann, nämlich Fleisch und Milch und Eier. Jetzt erkennt selbst die Industrie nicht erst nach weiteren Jahrzehnten, dass diese Entwicklung sich gar nicht mehr lange mit dem Vegetarismus aufhält, sondern sie auf Dauer auch ihre Eier nicht mehr loswerden wird, die sie im Moment noch in ihren vegetarischen Aufschnitt packt – der Entrüstungsschrei der Veganer kam prompt und wurde vernommen und das Zugeständnis gemacht, weiter am Geschmack zu forschen, damit der bald auch ohne Eier gut sei  😉

Die Welt soll nicht erst veganer werden dürfen, wenn alle nur noch vollwertig und frisch essen. Jeder sollte vegan leben können – und kann es inzwischen. Dass es wünschenswert ist, kleine Firmen zu unterstützen, fair gehandelte Ware zu konsumieren und sich gesund zu ernähren, ist ein äußerst wichtiges – aber ein anderes Thema. Dass dem Bewussterwerden der eigenen Handlungen bei vielen Menschen weitere bewusstere Handlungen folgen, ist auch keine Neuigkeit. Ob der eine erst vegan wird und dann philosophiert oder umgekehrt, ob jemand erst vegan isst und dann erst die übernächsten Schuhe oder das nächste Auto ohne Leder kauft, ob jemand seinen ersten veganen Aufschnitt beim Fleischkonzern seines Vertrauens besorgt oder schon als Fleischesser nur bio und regional und fair gehandelt gekauft hat: bitte lasst doch jeden seinen eigenen Weg gehen und dort beginnen, wo er steht und lebt. Informieren statt beurteilen, hilfreich sein statt hemmen, das brauchen wir am meisten, wenn die Welt leidfreier werden soll. Ich weiß, dass es nicht immer leicht ist, zuzuschauen anstatt zu kritisieren, aber es ist nötig für langfristige und vor allem langanhaltende Veränderungen. Manchmal ist der Umweg schneller – auch wenn er zeitweise kaum auszuhalten ist, wenn man gesehen und gefühlt hat, was die meisten Veganer gesehen haben – und viele Fleischesser sich nicht trauen, anzuschauen und zu fühlen. Es ist gut, aktiv zu sein im richtigen Moment – aber man muss ihn auch abwarten können, diesen Moment, wenn man wirklich wirken will und nicht nur auffallen.

Ich will, dass wir jetzt unbeirrbar einfach weiter machen und immer weiter. Jeder seinen Stärken entsprechend – statt auf Schwächen reduziert. Denn wir entscheiden durch unseren Fokus, ob wir Stärken fördern wollen oder Schwächen vermehren.

6 Gedanken zu “vegane Wirtschaft

  1. Ich habe lange Zeit im naturheilkundlichen Bereich gearbeitet, habe mich mit Ayurveda und anderen Ernährungsphilosophien auseinandergesetzt, bin der vegetarischen Ernährung sehr zugewandt, da ich finde, dass sie alle Bereiche abdeckt, die ein Körper braucht.

    Wenn ich mir all die Seitan und Soyaschnitzelprodukte anschaue,nebst diesem „Ersatzaufschnitt“ dann frage ich mich was das soll……Ersatzkäse….als Käseliebhaber kann ich den nicht essen, es schmeckt nach Ersatz, nach künstlich Hergestelltem.

    Um etwas verändern zu wollen sollte man besser danach trachten, Kleinbauernlandwirtschaft wieder hoffähig (welch schönes Wort ! ) zu machen und ihnen die Existenzgrundlagen zurückgeben, dann haben wir auch wieder eine wertschätzendes und wertschöpfendes Miteinander.
    Dann gibt es keine Grossmästereien mehr oder Dumping Preise für Milchprodukte.

    Und wenn ich dann noch feststellen muss, dass vegane Gruppen von linken Gruppierungen ins recht militantes Aussen gehen, dann kann und will ich das nicht gutheissen.
    Auf der einen Seite den Tieren guttun, aber Menschen tätlich angehen, das kann es nicht sein.
    Da stimmt etwas für mich nicht.

    Ergo viele Unstimmigkeiten auf dem Weg.

    Bei uns gab es Eier wenn die Hühner gelegt hatten, sonst nicht.
    Es gab Milch wenn jemand mit Milchkanne zum Bauern gelaufen ist um sie zu holen.
    Bin in kleinbäuerlicher Familie gross geworden, die nicht hätte überleben können, wenn nicht der Verzehr von tierischen Produkten dabei gewesen wäre.
    Und wir hatten den ganzen Sommer gut zu tun mit Obst und Gemüseernte, da musste die gesamte Familie ran, da gab es keine Supermärkte wo alles griffbereit herumlag.

    Ich möchte mal eine Frage stellen an all die Veganer hier in diesem Kreis.
    Was würdet ihr ohne all die Ersatzprodukte machen ?
    Euer Speiseplan sähe spärlich aus, ihr müsstet erst einmal umdenken.
    Selbst in der vegetarischen Gesellschaft für Ernährung um 1900 hatte man Produkte wie Ei und Butter nicht verbannt, und die konnten leckere Sachen zubereiten.
    https://leuchtturmnetz.wordpress.com/2016/10/11/deutscher-vegetarismus-um-1900-herum-alles-andere-als-langweilig/

    Ich finde es gut dass sich engagiert wird gegen Massentierhaltung, denn das ist das Problem.
    Und einige Lobbyisten aus allen Bereichen, die nur an Kohle denken.

    Gruss ML

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    • Danke für deinen ausführlichen Beitrag und wie schön, dass auch du dich für faire Bedingungen einsetzt. Wie du in meinem Beitrag lesen konntest, ernähre auch ich mich nicht von Ersatzprodukten, ebenso legen die meisten Veganer, die ich kenne, großen Wert auf regionale und saisonale Früchte und Gemüse, woraus ein Großteil ihrer Ernährung besteht. Viele Veganer sind bei ihrer Ernährungsumstellung anfangs froh, dass es inzwischen neben den zahllosen tierischen Fertiggerichten auch einige Produkte aus pflanzlichem Eiweiß gibt – und dass diese immer zahlreicher werden, weist auf einen grundsätzlichen Umschwung hin, denn die Industrie würde sich nicht in diesem Maße nur um ein paar Veganer kümmern.

      Dass es dennoch wünschenswert ist, sich gesund (also nicht maßgeblich von Fertigprodukten) zu ernähren und lieber kleinere Betriebe und fair hergestellte Waren zu konsumieren, geht aus meinem Beitrag denke ich auch klar hervor. Jedoch betrifft dieses Thema nicht nur Veganer und ist somit kein veganes Problem. Ich beobachte jedoch in den meisten Fällen, dass Menschen (auch dank veganer Fertigprodukte) zunächst einfach „nur“ vegan essen und sich erst dadurch ausgelöst auch mit anderen grundlegenden Fragen wie gesunder Ernährung, Umweltverträglichkeit und fairem Handel auseinander setzen. Mir geht es also in meinem Artikel darum, auch diese Reihenfolge der Entwicklung zu unterstützen.

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    • Ja das habe ich auch so verstanden. Wollte nur auch noch die andere Seite darstellen, dass wenn man ins dogmatische hineingeht, alles andere als positive Impulse setzt….und DIE kenne ich leider auch zur Genüge.
      Wie schon gesagt, ich freie mich über alle, die der Massentierhaltung etwas entgegensetzen, denn das ist wirklich unter aller Wertschätzung.

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