Vegan für Anfänger

Über dieses Thema zu schreiben ist wahrlich keine neue Idee und es gibt schon zahlreiche tolle Tipps, Artikel, Bücher, Buddys und sonstige Helfer und Hilfsmittel, vor allem im Internet.

Dennoch erweitere ich einfach mal die im Netz vorhandenen Beiträge, denn nach meinen Erfahrungen scheint für viele Vegan-Interessierte die größte Hürde zu sein, dass sie glauben, ihren Alltag komplett umkrempeln zu müssen.

Für manche kann genau diese Veränderung zwar auch ein Anreiz sein, was zahlreiche Beispiele von Menschen, die von Fast-Food-Junkies und Kochmuffeln zu Spitzenköchen oder Rohköstlern werden, anschaulich belegen. Dennoch tun sich die meisten Menschen erstmal schwer damit, Gewohnheiten aufzugeben und vor allem das Essen ist ja nicht auf den Vorgang der reinen Nährstoffzufuhr reduzierbar, sondern hat viel mit Erinnerungen, liebgewonnenen Gewohnheiten und familiären Traditionen zu tun, von denen man sich auch weiterhin nicht ausschließen möchte.

Somit wollen anfangs viele erstmal wissen, wie sie vegan werden, ohne gleich ihr ganzes Leben umzukrempeln, ohne auf den Rest der Familie zu warten, manche auch am liebsten, ohne aufzufallen. Deshalb liste ich hier einige typische Ausgangsklischees auf, die mir häufiger begegnet sind – die Grenzen sind natürlich fließend und die Entwicklung völlig offen!

1. der Konservative

Du isst morgens Marmeladenbrötchen und ein Ei, mittags ein Schnitzel mit Beilage, nachmittags ein Teilchen vom Bäcker, abends Brot mit Aufschnitt und vor dem Fernseher Chips oder eine Tafel Schokolade – und möchtest, dass das alles so bleibt.

Keine Sorge, du kannst dich weiterhin ungesund ernähren, auch wenn du vegan wirst.

Zum Frühstück gibt es dann ab sofort auf dem Marmeladenbrötchen Pflanzenmargarine statt Butter und Rührtofu statt Ei. Mittags genießt du ein veganes Fertigschnitzel (z. B. aus Seitan) mit gewohnter Beilage. Zum Nachmittagskaffee gibt es eine Apfeltasche oder ein Franzbrötchen (fast jede Bäckereikette hat inzwischen etwas Veganes im Angebot) – zur Not tut es auch mal ein Marmeladentoast oder Cookies, die du vegan auf Vorrat kaufen kannst. Zum Abendbrot legst du dir veganen Aufschnitt auf dein Brot und auch vegane Schokolade ist inzwischen in jedem Supermarkt-Sortiment vorhanden (Bitterschokolade oder Marzipan waren eh oft schon vegan).

2. der Döner-Student

Vormittags gibt es die kalte Pizza vom Vorabend und eine Cola – oder Cornflakes mit Milch und einen Kaffee, mittags geht es in die Mensa, abends landet eine Tiefkühlpizza im Ofen und nachts auf dem Nachhauseweg geht noch ein Döner mit Zaziki.

Auch hier ist noch viel Luft nach oben, was eine ausgewogene Ernährung angeht, aber natürlich kann auch vegan alles so ungesund bleiben, wie es schon ist. Manchmal kann eine gute Mensa einiges wieder raushauen, auch Gyrosbuden sind oft besser als ihr Ruf – und du bist ja noch jung.

Cornflakes gehen auch mit Soja-, Hafer- oder Mandelmilch und in jeder Mensa sollte es inzwischen mindestens ein veganes Gericht geben. Vegane Tiefkühlkost gibt es in jedem Supermarkt, die Gemüsepizza beim Italiener bestellt man ohne Käse und dafür mit mehr Gemüse –  und beim türkischen Imbiss bekommt man neben Gyros und Co. meist auch Gemüsetaschen mit Aubergine, Zucchini, Tomaten, Okras o. ä. – nur auf den Zaziki müsste dann noch eine Weile verzichtet werden, bis auch dein Lieblingstürke eine vegane Variante aus Sojajoghurt anbietet (gib ihm mal einen heißen Tipp!). Manchmal gibt es auch Falafel, Sesamsoßen auf Tahin-Basis oder Hummus aus Kichererbsen.

3. der Gesundheitsfreak

Du trinkst morgens einen Smoothie und isst ein Müsli ohne Zucker mit Obst und Joghurt, in deiner Sporttasche gibt es immer einen kleinen Vorrat an Proteinriegeln, mittags schnippelst du dir ein Wokgericht mit viel Gemüse, magerem Fleisch und Reis und abends einen Salat mit Putenstreifen.

Du ernährst dich also schon vergleichsweise ausgewogen und hast jetzt bloß Sorge vor einem Proteinmangel inklusive des damit verbundenen unaufhaltsamen schleichenden Rückgangs deiner Muskelmasse.

Sorge unberechtigt. Leckere Proteinriegel gibt es inzwischen auch in vegan z. B. auf der Basis von Erbsen-, Reis-, Soja-, Nuss- und Hanfprotein (diese Info bitte auch unbedingt mal an dein Fitnesscenter weitergeben). Riegel lassen sich übrigens auch gut selbermachen – Rezepte dazu findest du zum Beispiel in den Büchern des Ironman Brendan Brazier . Auch ungesüßten Joghurt gibt es inzwischen auf Soja-, Lupinen- oder Hanfbasis. Linsen und Bohnen, auch lecker als Bratlinge, sind eine gesunde Eiweißquelle zum Gemüse, und wenn du weiterhin Streifen auf Salat und Gemüsewok magst, sind Produkte aus Seitan oder Tofu gut geeignet.

Grundsätzlich wird der drohende Proteinmangel bei veganer Ernährung übrigens völlig überbewertet. Jede Pflanze hat Proteine und ein Mangel tritt normalerweise nur auf, wenn man insgesamt zu wenig isst. Dazu interessiert dich vielleicht mein Artikel High Protein? .

4. die kochende Mama

Ich hätte natürlich auch den Vater nehmen können, aber die Erfahrung zeigt: Mütter kochen immer noch öfter als Väter – und entscheidend für dieses Thema: es sind meistens die Frauen, die mit dem Vegansein anfangen – und es sind meistens die Frauen, für die es schwieriger scheint, einfach etwas zu tun, während der Rest der Familie noch darüber lästert. Männer, die von sich aus vegan werden, sind oft kompromissloser, machen sich weniger Gedanken – und bekommen auch eher Unterstützung von Partner oder Partnerin.

Aber ob nun Frau oder Mann zuhause vegan kochen will: Du kannst es einfach tun. Auch wenn die anderen Familienmitglieder noch meinen, Fleisch zu brauchen. Ja, tatsächlich höre ich diesen Satz immer wieder: „ich würde ja gerne vegan leben, aber meine Kinder, meine Männer, meine Jungs..“ („meine Töchter“ höre ich da interessanterweise seltener).

Wenn du große Angst davor hast, dass es deiner Familie zuhause nicht mehr schmeckt oder du dich lieber erstmal selber vortasten möchtest, bevor die Diskussionen beginnen: koch halt Gemüse, Kartoffeln und Reis wie immer – nur mit Pflanzenöl statt Butter und brate den anderen ihr Fleisch dazu, für dich bereitest du dann einfach eine andere Proteinquelle zu.

Mit der Zeit lernst du neue Eiweißträger kennen, die sehr lecker schmecken und riechen, da wird der Rest der Familie wahrscheinlich irgendwann mal probieren wollen. Dann sei so gnädig und gib ihnen was ab. Das können sein: Soja- oder Seitanschnitzel, Falafel, sonstige Bratlinge (gekauft oder selber hergestellt), aber auch indisch gewürzte Dals, Chillibohnenpfanne etc.

Wenn du kompromissloser vorgehst, dann kochst du ab sofort vegan und teilst den anderen mit, dass sie sich ihr Fleisch gerne selber braten können. In einem bisher omnivoren Familienverbund würde ich davon abraten, gar kein Fleisch mehr in der Küche zu dulden.

Vielleicht findest du mit deiner Familie gemeinsam und im Laufe der Zeit auch noch andere Lösungen – aber es gar nicht zu versuchen, nur weil die Familie nicht mitzieht, ist definitiv keine Lösung (manchmal aber eine gute Ausrede 😉 ).

5. das Kind, das hoffentlich nur eine Phase hat

Auch das gilt logischerweise für Tochter oder Sohn gleichermaßen – jedoch sind es, wie schon erwähnt, häufiger die Mädels, die mit so verdrehten Ideen den Familienfrieden stören, keine Tiere mehr ausnutzen zu wollen. Da du vielleicht noch nicht volljährig bist und/oder finanziell nicht in der Lage, dir dein eigenes Essen zu kaufen, ist hier ein bisschen Vorbereitung sinnvoll, bevor du die Bombe platzen lässt. Jedenfalls dann, wenn deiner Familie Traditionen und Gewohnheiten wichtig sind und sie Fleisch für lebensnotwendig hält – und wenn du nicht mit einem Schlag alle Klischees über den nervenden Veganer bestätigen möchtest, womit nämlich keinem geholfen ist (am wenigsten den Tieren).

Informiere dich vorher genauestens über Nährstoffe, besonders über Eiweiß, Eisen, Kalzium und B12 sowie über die Bezahlbarkeit von pflanzlichen Proteinquellen – damit du diesen häufigsten elterlichen Sorgen entspannt begegnen kannst. Schau mit deinen Lieben einen Film, z. B. What the Health (gibt es auch immer mal wieder umsonst auf YouTube) oder Gabel statt Skalpell.

Leih dir in der Bücherei ein paar vegane Kochbücher aus und schau sie in Ruhe mit dem Elternteil durch, welches meistens kocht. Besprecht, wie ohne größeren Aufwand auch vegane Alternativen möglich sind. Am einfachsten ist es, wie bereits oben erwähnt, wenn grundsätzlich statt Butter Pflanzenöl benutzt und Fleisch extra zubereitet wird. Wenn du keine Ersatzprodukte essen willst, können gut Bohnen oder Linsen als günstigere und gesündere Eiweißquelle dienen.

Wenn deine Eltern gerne lesen, dann schenk ihnen How Not To Die von Dr. Greger zu Weihnachten. Informiere dich auf seriösen Seiten, z. B. von der Albert-Schweitzer-Stiftung (hier kannst du auch günstig Informationsbroschüren bestellen und sie in deinem Familienkreis verteilen). Wenn deine Eltern Tiere (ansonsten) liebhaben, dann zeig ihnen die Seite von Hof Butenland, einem ehemaligen Bio-Milch-Betrieb, dort gibt es neben einem wunderbaren Einblick in den Alltag geretteter Nutztiere auch diverse Informationen zur fragwürdigen Natürlichkeit der Nutztierhaltung.

Auch in meinem Blog findest du vielleicht ein paar hilfreiche Artikel für Mama und Papa – z. B. Pflanzen essen ist schwierig bis ungesund, Vegan mit HartzIV oder Kinder würden Kaninchen knuddeln

Habe Geduld, wenn deine Familie nicht gleich Hurra schreit. Lass ihnen die Zeit, die sie brauchen – denn wenn du das nicht tust, werden sie halt länger brauchen. Und vergiss nicht: sie wollen wahrscheinlich nur dein Bestes und ihren bisherigen Informationen zufolge ist es wichtig, Fleisch zu essen und Milch zu trinken. Solche oft lebenslangen Überzeugungen wirft man nicht von einem zum anderen Tag über Bord, nur weil die Kinder auf einmal alles in Frage stellen.


 

IMAG3042_1.jpgZum Glück ist das Veganwerden häufig auch eine Familienentscheidung, manche Familien einigen sich zum Beispiel erstmal auf ein Experiment von ein paar Wochen – somit entfällt der vegane „Außenseiter“, was natürlich für alle Beteiligten am wenigsten Nerven kostet und auch am meisten Spaß macht. Dadurch können sich ganz neue schöne gemeinsame Erfahrungen und ein neuer Familienzusammenhalt ergeben.

Wer jedoch die Entscheidung eher einsam trifft, dem empfehle ich, sich durch vegane Gruppen z. B. bei facebook, unterstützen zu lassen. Oft hilft schon das stille Mitlesen und man fühlt sich nicht mehr so allein und entdeckt neue Lösungsmöglichkeiten. Dort erfährt man dann auch Praktisches wie Einkaufsmöglichkeiten oder den Termin für den nächsten veganen Stammtisch in deiner Stadt, um ein paar Gleichgesinnte für vielleicht weitere gemeinsame Unternehmungen kennenzulernen.

Schwierig ist es in manchen Gegenden noch, auswärts vegan zu essen, jedoch ändert sich das gerade rasant – häufiges Nachfragen hilft hier ungemein! Nützlich für die Suche ist die Happy-Cow-App, jedoch ist es in den meisten Restaurants auch so möglich, etwas Veganes zu finden (Pizza ohne Käse beim Italiener, Gemüse und Reis beim Asiaten, Gemüseteller im Gasthof Zur Linde etc. ). Wer sich Sorgen darüber macht, unterwegs und bei der Arbeit zu verhungern, dem empfehle ich meinen Beitrag zum Thema Essen in Pausen.

Wenn du dich hier im Text gar nicht wieder findest, kannst du dein Problem, warum du nicht vegan wirst obwohl du gerne würdest, auch gerne in den Kommentaren schildern.

Ich bin sicher, wir finden eine Lösung.

 

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Vegan für Anfänger

  1. Liebe Janine, ich bin total begeistert und finde es wirklich großartig, was Du so alles denkst und tust und schreibst und praktizierst und anregst. Schlichtweg WUNDERBAR!!! Habe ganz lange gestöbert in Deinem lesenswerten, spannenden Blog, freue mich über die klare Sprache, Bilder von Dir und LUNA und auch Monica habe ich entdeckt!!!
    Alles Liebe und bis bald! Deine Geli

    _____

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