Atme dich frei

Mit zwanzig hatte ich Asthma. Ich war wochenlang nur damit beschäftigt, nach Luft zu schnappen, Allergie- und Lungenfunktionstests zu machen, Asthmaspray zu verweigern, Angst und Rückenschmerzen zu haben und zu weinen. Und ich machte mich zum ersten Mal in meinem Leben selbständig auf die Suche nach Heilung. Gebracht hat es mir, dass ich Milchprodukte wegließ, Brennesseltee trank, Schüsslersalze unter meiner Zunge zergehen ließ und eine aufrechte Haltung und das Ausatmen entdeckte, wobei ich mich noch an meinen ungläubigen Gesichtsausdruck erinnerte, als ich in einem Buch las, ich solle durch meine Hände und Füße ausatmen. Aber ich war verzweifelt genug, meine Anatomiekenntnisse beiseite zu schieben und es einfach zu tun.

Eine weitere Methode aus diesem Buch, die ich bis heute nicht verlernt habe, ist es, sich im Liegen bei jeder Ausatmung vorzustellen, tiefer in den Untergrund zu sinken. Das ganze mit bewusster Bauchatmung – also beim Einatmen hebt sich der Bauch, beim Ausatmen senkt er sich. Klingt logisch, dennoch machen es unglaublich viele Menschen genau umgekehrt.

Außerdem zwang ich mich in dieser Zeit, in der mir auch das Essen keinen Spaß machte, jeden Tag zu frischem Obst und Gemüse. Ich bin inzwischen sehr dankbar für mein Asthma. Wenn ich heute merke, dass sich mein Brustkorb verkrampft, weil ich nicht genug (Luft) herauslasse, dann reicht es meist schon, das zu erkennen und ich habe ein gutes Repertoire an schneller Hilfe, welche immer mit dem Wahrnehmen der Atmung beginnt.

Mit siebenundzwanzig hatte ich Endometriose. Ich ließ mich operieren, nachdem ich mich mal auf einer Autobahnraststätte aus dem Auto fallen lassen und auf allen Vieren von Krämpfen geschüttelt nach Hilfe suchen musste. Nach der Operation verweigerte ich die nun angeblich notwendige lebenslange Einnahme der Pille und machte mich wieder auf die Suche, denn an den Schmerzen hatte sich nichts geändert. Ich entdeckte Himbeer- und Thymiantee, Zuckerverzicht, Milchverzicht, Bewegung, Ibuprofen, Yoga, Louise Hay, wieder Schüsslersalze – und auch wieder: das Ausatmen. Wenn ich merkte, dass die Krämpfe begannen, zwang ich mich dazu, nicht meinem ersten Impuls zu folgen und die Luft anzuhalten, sondern durch- und vor allem auszuatmen. Auch sehr effektiv ist es, rechtzeitig zu gehen statt zu sitzen. Ibuprofen brauche ich heute nicht mehr.

Mit zweiundreißig hatte ich Herzrythmusstörungen. Durchgehend, auch im Schlaf. Ich wachte mit Herzrasen auf – und konnte vor Herzrasen nicht einschlafen. Ich ließ meine eine Tasse Kaffee täglich weg (was in meinem Fall keinerlei positiven Effekt hatte) und schleppte EKG-Gerätschaften mit mir herum, die bestätigten, was ich schon wusste: mein Herz war 24 Stunden täglich aus dem Rhythmus. Es half: Yoga, tanzen gehen, bewusst ernähren und – ihr ahnt es schon – das Ausatmen. Jedenfalls bei mir.

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Ich beschreibe hier meine Erfahrungen. Und meine ganz persönlichen Entscheidungen, die sich nicht übertragen lassen. Ich möchte ausdrücklich keinen dazu animieren, meinem Beispiel zu folgen und deshalb bestimmte Behandlungen abzulehnen oder zu versuchen, alles „wegzuatmen“. So einfach war es auch bei mir nicht, doch war die Konzentration auf die Atmung ebenso wie die Aufrechterhaltung einer guten Nährstoffzufuhr und regelmäßiger Bewegung immer eine gute Basis für die Erforschung von Ursachen und nachhaltigen Behandlungsmöglichkeiten.

Ich hatte das Glück, von einer Hausärztin begleitet zu werden, die meine eigenen Einschätzungen grundsätzlich mit einbezog in ihre absolut gründliche Diagnostik – und ihre ärztliche Behandlung mehr als begleitende Maßnahme meiner persönlichen Ursachenforschung deklarierte. Und auch bei dieser Sinnsuche hilft natürlich eine gute Atmung. Und gesundes Essen. Und Bewegung.

So machte ich also immer mal wieder die Erfahrung, dass ich keine sinnlosen Beschwerden habe – auch wenn sie mir in dem Moment so erscheinen. Ich hatte immer meinen Anteil am Entstehen und musste nur bereit sein, ihn zu erkennen. Ebenso habe ich von den Erfahrungen während der Beschwerden profitiert. Und ich habe immer das Potential zur Lösung in mir gefunden – und nicht um mich herum. Wobei natürlich manchmal ein Teil der Lösung auch in der Veränderung äußerer Umstände liegen kann. Im Nachhinein war ich dann tatsächlich meist dankbar für jede Beschwerde, weil sie der Schlüssel zu neuen Türen waren – aufschließen musste ich sie jedoch selber.

Und neben guter Ernährung und regelmäßiger Bewegung habe ich die bewusste Atmung als einen der wichtigsten Schlüssel zur Heilung kennengelernt – unabhängig davon, für welche sonstige Behandlung ich mich entschieden habe. Sie ist ein kraftvoller Antrieb: wir können uns in Angst hinein atmen ebenso wie in die Entspannung und manchmal reicht es schon, die Atmung einfach zu beobachten, um sie durch Blockaden zu führen. Wir können die Atmung bewusst rhythmisch steuern oder sie bewusst loslassen. Wer schonmal Kundalini-Yoga gemacht hat, weiß, wie schnell und kraftvoll Atmung uns mit Energie aufladen und Anspannungen lösen kann. Und wer schonmal Asthma oder ungleichmäßigen Herzschlag ohne unmittelbare körperliche Ursachen hatte, der kann sich vorstellen, dass sogar lebensbedrohliche Zustände allein dadurch gefördert werden können, dass wir zwar einatmen, aber die Luft nicht wieder rauslassen „wollen“.

Wie schnell halten wir aus akuter Angst die Luft an oder atmen chronisch so flach, dass wir an unseren Körper ununterbrochen Gefahrensignale aussenden – und dieser mit der Ausschüttung von Stresshormonen reagiert, die wiederum auf Dauer unseren Körper vergiften und natürlich auch unsere Seelenleben erheblich beeinflussen.

Um aus diesem Kreislauf wieder herauszufinden, hilft dann auch wieder nur eins: Atmen. Und zwar so, dass unser Körper keinen Anlass zur Sorge hat. Ausatmen, als wäre uns gerade ein Stein vom Herzen gefallen – und schon fällt er tatsächlich und Herz und Schultern fühlen sich wieder leichter an. Die Atmung versorgt den Körper, transportiert Sauerstoff ins Blut, regt die Durchblutung an und entsorgt Kohlendioxid. Gleichzeitig beeinflusst sie unsere Stimmung, unser Denkvermögen und kann Muskeln an- oder auch entspannen. Sie ist somit eine kraftvolle von uns beeinflussbare Quelle an Energie, der wir bei jedem Atemzug dankbare Aufmerksamkeit schenken sollten.

Nun gibt es Menschen, die von Natur aus eine gesunde Atmung haben, obwohl sie noch nie darüber nachgedacht haben. Sie regulieren ihre Atmung unbewusst so, wie es die Natur wohl vorgesehen hat, denn sie geben einem Impuls nach, der eine weitere Grundlage für Gesundheit ist: sich zu bewegen. Manchmal muss man außer Atem sein, damit die Atmung sich wieder selber reguliert. Stresshormone werden abgebaut und Säuren abgeatmet. Außerdem fördert Bewegung die Durchblutung, sodass Nährstoffe und Sauerstoff dann auch die Zellen erreichen können. Schon Tanzen, Yoga, Schwimmen oder Spazierengehen können zu einer ruhigen und tieferen Atmung führen.

Wer jedoch den ganzen Tag nur sitzt und nachdenkt und durch eine gebeugte Haltung seinem Oberkörper die Luft zum Atmen nimmt, wird über eine flache, kurze Atmung langfristig nicht hinauskommen. Das Herz fühlt sich dauerhaft beengt, der ganze Oberkörper und die Lebensfreude ist blockiert und das ist langfristig wahrscheinlich mitverantwortlich für Beschwerden, die wir zunächst gar nicht mit der Atmung in Verbindung bringen.

Mit einer Übung aus „Die zehn Geheimnisse der Gesundheit“ von Adam Jackson (siehe auch meinen Artikel noch Vorsätze gesucht?) beende ich für heute mein Plädoyer für die Atmung und wünsche euch allen ein schönes Wochenende:

  1. einatmen, solange es angenehm ist
  2. den Atem etwa viermal so lange anhalten
  3. doppelt so lange ausatmen, wie man eingeatmet hat
  4. warten, bis man quasi wie von selber wieder einatmet, dann weiter mit 2.

das Ganze zehnmal wiederholen.

Viel Spaß also beim Ausatmen – vor allem heute abend nicht vergessen, wenn Deutschland gegen Schweden spielt ;)

 

Zum Weiterlesen und -üben:

Das Atem-Übungsbuch nach Middendorf

Heile deinen Körper von Louise Hay

DVD Kundalini Yoga mit Satya Singh

Das Yogabuch vom Leben und Sterben von Satya Singh

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4 Gedanken zu “Atme dich frei

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