Brauchen ganze Kerle Fleisch?

„Veganer sind Weicheier, echte Kerle brauchen Fleisch und Männer, die kein Fleisch essen, sind nicht männlich.“ Hab ich gerade wieder gelesen. Ich gehe mal davon aus, dass wir alle zumindest eine schwammige Vorstellung davon haben, was mit männlichen Männern gemeint ist, die sich irgendwo zwischen starker Schulter, Gesichtsbehaarung und Testosteron bewegt. Doch warum ein Veganer nun weniger ganz sein soll als ein Konsument von tierischen Bestandteilen, können weder männliche Menschen noch vegane Spitzensportler so ganz erläutern – und weibliche übrigens auch nicht.

Laut Klischee sind männliche Männer stark dank Protein und männlicher Hormone, sie weinen nicht und kennen keinen Schmerz, außer wenn sie erkältet sind – und viele Männer, ob vegan oder nicht, möchten halt gern „echte“ Männer sein, warum auch immer.

Und das sollen sie ja auch! Am liebsten dann auch noch humorvoll und selbstreflektiert. Hingegen wirkt keine Muskelmasse sexy an einem Typen, der täglich gegen Überzeugungen handelt, für die er selber stehen möchte. Ganze Kerle machen, was sie sagen. Und wenn sie es mal nicht machen, tun sie nicht so als ob. Sie leben jeden Tag so anständig wie möglich und setzen neue Erkenntnisse in die Tat um, anstatt sich nur selber gerne zuzuhören, vor allem aber: sie verraten weder sich noch andere.

Starke Menschen stehen ein für andere und beschützen schwächere Lebewesen anstatt sie zu benutzen. Für sie steht Ethik immer über dem derzeit geltenden Recht. Sie ordnen sich nicht jammernd unter, sondern erschaffen neue Welten.

Echte Kerle entdecken und erobern gerne und können übrigens auch aus pflanzlichen Proteinen für ihre Liebsten ein anständiges Essen zubereiten, anstatt lediglich mit einer Bierdose in der Hand Fleischstücke auf einen Grill zu schmeißen, die sie vorher einer Kühltheke entnahmen (und dabei das Etikett nur studierten, um nach dem hoffentlich günstigen Preis zu sehen).

Manch echter Mann erlegt ja die Tiere selber, die er essen will – ja gut, dann ist das gleich geklärt und wir werden vielleicht nicht die dicksten Freunde werden. Jedenfalls nicht, wenn er es tut, obwohl er ansonsten auch nicht verhungern müsste. Aber wenigstens belügt er sich nicht selber, wenn er sagt, er wisse, wo sein Fleisch herkommt. Wenn ein Mann sagt, die Gefühle der Tiere seien ihm egal, weil sie halt keine hätten, dann ist das eine klare Ansage. Vielleicht weiß er noch nicht, dass es nicht stimmt und möchte darüber reden. Vielleicht will er auch einfach nur, dass es stimmt und wir können uns über andere Sachen unterhalten oder uns aus dem Weg gehen.

Doch was ist daran authentisch, das Fleischessen halt geil zu finden, vielleicht auch noch seinem Hund Schmerzen und Freude zuzugestehen, aber dennoch nicht wissen zu wollen, was Tieren zustößt, bevor sie kleingeschnitten in der Kühltheke liegen? Wer ist denn nun das Weichei? Der Veganer jedenfalls weiß das.

Und dann geben solche ganzen Kerle ihren Kindern Fleisch und Milch, aber wollen nicht, dass die Allgemeinbildung ihrer Kinder beinhaltet, wie Tierprodukte entstanden sind. Und daraus werden dann die „ganzen“ Kerle von morgen.

Ist andererseits folgerichtig, denn selber wollen sie es ja auch nicht hören, wie ich gerade wieder sehen durfte:

Kürzlich bin ich in Göttingen mit einer Demo gelaufen. Die meisten waren Veganer – oder zumindest überzeugte Tierschützer, die sich auf den Weg gemacht haben. Und während wir an Eisdielen mit echten milchkaffeetrinkenden Männern und Frauen sowie Imbissen mit ganzen Burgeressern vorbeiliefen, übertrugen Lautsprecher die letzten Minuten eines Schweines im Schlachthaus. Wir liefen teilweise mit Tränen in den Augen aber entschlossen für jedes einzelne Tier – und für jeden einzelnen Menschen am Straßenrand mit dem Potential, sich selbst zu erkennen. Keiner von uns hörte solche Geräusche zum ersten Mal. Alle VeganerInnen sind irgendwann mal Kerl genug gewesen, sich genau das anzuhören und anzusehen – deshalb sind sie ja jetzt vegan. Manche zeichnen es sogar auf oder dokumentieren es anderweitig. Danke an dieser Stelle an euch, all die ganzen mutigen männlichen und weiblichen Kerle da draußen, die trotzdem noch nicht verzweifelt sind <3

Natürlich hört und sieht auch kein Veganer gerne ständig, was ständig mit Tieren passiert. Doch wenn man auf die Straße geht, um Loyalität mit diesen Tieren zu demonstrieren, dann gehört es genau dahin. Es gibt viele verschiedene Wege, auf denen Menschen bewusst wird, was ihr Verhalten verursacht – und das ist einer davon.

Dem Schwein zu sagen: „och nö, deine Angst und deine Schmerzen wollen wir hier nicht hören, sonst schmeckt den ganzen Weicheiern ihr Burger nicht mehr so gut und sie müssen vielleicht ihren Kindern ein paar Fragen beantworten“ wäre eher Verrat als Diplomatie. Und manche Menschen berichten, Ihnen sei erst durch diese akustische Nähe wirklich bewusst geworden, dass für eine gemütliche Mahlzeit einem echten Lebewesen das ganze Leben genommen wird.

750 Mio. Mal pro Jahr in Deutschland.

Der ehrliche fleischessende ganze Kerl kann natürlich seinen Burger auch bei Schlachtgeräuschen genießen, schließlich schlachtet er sein Fleisch ja selber. Und er wird natürlich auch seinen Kindern diesen natürlichen Nahrungskreislauf nicht vorenthalten wollen. Ein Löwenkind schaut ja auch zu, wenn die Mama ein Reh tötet, also alles gut.

Doch alle anderen, die sich nun unwohl fühlen und sich mit ihren Kindern an der Hand teilweise Fäuste schüttelnd aufregten über die Demo und die Geräusche, die ein vor Angst und Schmerzen geplagtes Tier macht, welches gerade für den menschlichen Genuss getötet wird .. sorry, aber das sollen echte Vorbilder sein?

Anständige Menschen regen sich darüber auf, dass es solche Qualen gibt und nicht darüber, dass sie sie hören können.

Ein ganzer Kerl reflektiert, wenn er ein solches Geräusch nicht ertragen kann. Er ist in der Lage, eine Verbindung herzustellen zwischen seinem Haustier, seinem Caffé Latte und dem sterbenden Tier. Er wird seinen eigenen Anteil hinterfragen, überlegen, was er tun kann – und es tun, so gut er kann.

Ein (sich) selbstbewusster Mensch wird vielleicht nicht sofort vegan werden, aber er wird sich auf den Weg machen und nach Informationen suchen anstatt nach Rechtfertigungen. Auch solche Menschen standen am Straßenrand – und manche liefen dann ein Stückchen mit. Berührt und angefasst – nicht vegan, aber ehrlich geschockt und mutig genug für neue Erkenntnisse.

Angeblich sind ja mehr Frauen vegan. Es war jedoch schön, auch bei dieser Veranstaltung mal wieder zu sehen, wieviele Männer ihre Vitalität pflanzlichem Protein verdanken. Und Mädels und Jungs: was für Kerle ;) Kraftvoll, gesund und knackig und lustig und schön, egal ob 20 oder 80 Jahre alt. Glaubhaft und warmherzig mit viel Verständnis für alle Lebewesen (auch für fleischessende Menschen), doch gleichzeitig mit empathischer Kompromisslosigkeit ihre Überzeugungen lebend.

Natürlich wissen sie alle, dass perfekt vegan noch nicht möglich ist, aber dennoch ist leben lassen kein unreflektierter Spruch für sie, sondern die Grundlage ihrer täglichen Entscheidungen. Vegan für die Tiere und für den Planeten, für uns, unsere Kinder und Enkelkinder.

Das sind Kerle, das sind authentische, starke Menschen – und keine Milchbubis, die sich hinter dem Rockzipfel gesellschaftlicher Vorgaben, ihren Angewohnheiten sowie den nährstoffarmen Weisheiten der Werbeindustrie verstecken.

Grillen tun vegane Kerle übrigens auch gerne mit einer Bierdose in der Hand. Sind aber zum Glück seltener erkältet. In diesem Sinne: Prost Männer, auf eure Gesundheit :D

15 Gedanken zu “Brauchen ganze Kerle Fleisch?

  1. „…dass für eine gemütliche Mahlzeit einem echten Lebewesen das ganze Leben genommen wird.“ Das sitzt. Wem würde schon das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn neben ihm ausblutende Tiere im Schlachthaus hängen würden. Das unterscheidet uns von Fleischessern. Wir haben es nicht nötig.

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    • Ja, so merkwürdig es scheint in Zeiten von sozialen Netzwerken: es gibt immer wieder komplett überraschte Menschen, wenn sie mit dem Leid der Tiere konfrontiert werden. Manche werden dann vegan, sie müssen also wirklich überrascht gewesen sein.. und dann hat ihnen zum Glück gleich jemand erzählt, dass wir es gar nicht nötig haben 😉

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  2. Abschreckung kann bei sensiblen Naturen funktionieren, ruft aber meist eher ein Dichtmachen und Abgrenzung hervor. Klar finde ich Aufklärung wichtig, aber ich bin nicht auf diesem Planeten, um zu missionieren. Deshalb wurden Kriege geführt und die Weltgeschichte zeigt, was daraus entsteht: ausschließlich Hass.
    Trotz allem wünsch ich Euch viel Erfolg und vor allem Spaß bei Euren Aktionen ❤️ . Weil nur die eigene Begeisterung ansteckend wirkt 😃
    Liebe Grüße

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    • Nun ging es ja hier um „ganze Kerle“, die Veganer Weicheier nennen, obwohl sie selber nicht wissen wollen, was sie tun – oder es aber tatsächlich nicht wissen.

      Das schließt ja das eher stille Vorleben der eigenen Begeisterung im Alltag nicht aus.

      Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Aufklären und Missionieren – fast alle Veganer, die ich kenne, sagen, es sei ihnen früher einfach nicht bewusst gewesen, was für Gewalt und Leid hinter Stall- und Schlachthofmauern passiert. Und dass sie es gerne früher gewusst hätten. Es sind also lediglich Informationen, die man weiter gibt. Was die Menschen dann damit tun in ihrem weiteren Leben, bleibt jedem selbst überlassen.

      Ich missioniere grundsätzlich nicht, egal um welches Thema es geht. Doch das heißt eben nicht, dass unschöne Informationen vermieden werden müssen, wenn sie nötig sind, um ein Gesamtbild zu bekommen.

      Dass Tiere leiden, ist eine Realität und diese Information sollte jeder Mensch haben, bevor er dafür mit bezahlt.

      Eine Demo ist kein Alltag, sondern sie hatte zum Thema, Schlachthäuser zu schließen und darzustellen, warum. Und da erreicht ein akustischer Einblick oft mehr als tausend Worte. Für viele war das die erste Begegnung mit dieser Seite der Realität, das konnte man sehen.

      Und einige erreicht es eben dann so. Und andere erreicht es anders. So ist es immer. Doch in jedem veganen Lebenslauf findet sich irgendwann auch die Begegnung mit der Erkenntnis, dass Tiere leiden 😉

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  3. Wirklich schön geschrieben.
    Allerdings sind ja gerade solche Aussagen meist von Leuten, die nicht tatsächlich nicht wissen, was da so vorgeht, sondern grundsätzlich alles meiden und von sich stoßen was mit dem Thema zu tun hat; denn würde man darüber nachdenken und sich mit beschäftigen, könnte man sich ja schlecht fühlen.
    Bei solchen Leuten kann man dann gar nichts erreichen, weder mit Abschreckung noch mit Überzeugung. Es ist leider einfacher, alle als Weicheier abzutun und sich als harter Fleischesser zu profilieren.

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    • Ganz genau – letzten Endes erreicht man ja eh nur die, die erreicht werden wollen, und das am besten mit Information – und so eine Demo ist eben auch eine Informationsveranstaltung. Es geht ja nicht um die hundert, die man nicht erreicht, sondern um den einen, dem genau diese Info noch gefehlt hat – und um den zweiten, für den diese Info irgendwann rückblickend mal der erste Anstoß war 😉

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