kleiner Guru

„I will sit in the pupil of your eyes and that will carry your sight into the heart of the things.“ (Rabindranath Tagore)

Letzte Nacht konnten wir nicht schlafen, weil wir gerade in Spanien am Meer sind und das gesellschaftliche und Familienleben nachts stattfindet. Nicht nur am Wochenende, aber dann besonders. In der Woche sind die spanischen Kinder meist bis ein oder zwei Uhr satt und im Bett (gegessen wird so gegen Mitternacht auf allen umliegenden Balkons und Terrassen mit der ganzen Großfamilie, danach gehts nochmal mit Kinderwagen und Co zu einem Verdauungsspaziergang am Wasser) – und dann kehrt auch langsam Ruhe ein. Am Wochenende jedoch ist Party bis es hell wird. Sogar in Torrox.

Die Musik war toll, ich lag einerseits müde im Bett und andererseits hatte ich kurz den Impuls, dieser Musik nach und tanzen zu gehen. Das könnte ich ja jetzt. Ich habe ja kein Lunchen mehr. Ich kann jetzt auch wieder spontan verreisen oder einfach mal irgendwo länger als geplant bleiben. Ich kann nachts durchschlafen, wenn ich denn könnte..  Ich gewöhne mir auch gerade ab, vierundzwanzig Stunden am Tag das Befinden einer Katze zu analysieren – einer Katze, die bereits krank war, als sie vor zehn Jahren zu mir kam. Frisch aus dem Tierheim stellte ich sie einer Tierärztin vor, weil sie ständig kotzte. Diese sah die Katze und mich missbilligend an und meinte, da würde ich aber nicht lange was von haben, wo ich die denn herhätte. Jemand anderes fragte, ob ich die Katze nicht umtauschen könne.

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Diese Katze und ich entschieden dann, dass uns die Meinung anderer Leute in Zukunft nicht mehr interessiert und die Tierärztin nun genug Geld damit verdient hatte, dass es ihrem Patienten wahrscheinlich vor lauter Stress täglich schlechter ging. Wenn du nur aus dem Tierheim zu mir gekommen bist, um zu sterben, sagte ich damals zu ihr, während sie schwach neben mir lag und mich unglücklich ansah, dann kannst du das hier in Ruhe tun und dich dabei geliebt fühlen. Es gibt keine Fahrten mehr zum Tierarzt, kein Zwangsfüttern, keine Infusionen.

Am nächsten Tag stand Luna auf und fraß und nahm zu. Sie hatte dann immer längere Phasen des Nichtkotzens. Außer wenn ich nicht da war. Meine früheren Katzen konnte ich von Nachbarn recht problemlos betreuen lassen, wenn ich über Nacht weg war. Die fanden das zwar auch doof, aber sie steckten es weg, schienen oft eher beleidigt als besorgt. Luna jedoch litt still. Und kotzte. Wenn ich zurück kam, wich sie mir nicht mehr von der Seite und schien geradezu außer sich vor Erleichterung.

Zum Glück hatte ich zwei liebe Menschen, die ab und zu mal eine Woche bei uns wohnten, sodass wir überhaupt mal beide weg konnten. Aber oft blieben wir halt doch lieber zuhause, weil sie uns einfach gerne in der Nähe hatte – und weil sie keine Wahl hatte. Lunchen war keine Schoßkatze, mochte zuviel Berührung nicht – sie hatte ihre eigenen Signale der Zuneigung. Sie kam zu mir unter die Decke, vor allem, wenn es ihr schlecht ging. Sie mochte es, mit ihrer Stirn gegen meine Stirn zu laufen, wenn ich mich hinunterbeugte. Oder gegen meinen Mund, um sich ein Küsschen abzuholen – wieder und wieder. Zwischen den Ohren kraulen ging natürlich immer, da war sie wie die meisten Katzen. Unser schönstes Ritual: wenn sie neben mich auf’s Sofa sprang und ihren „Milchtritt“ machte, legte ich meine Handfläche ganz leicht an ihre Seite und sie ließ sich dann hineinfallen und schlief irgendwann ein – auf meiner Hand. Und mit den Jahren wuchs das Vertrauen, dass ich auf ihrer Seite bin – immer. Ihr Hauptschlafplatz war neben meinem Kopf, so hatte mal ich meine Nase in ihrem Fell oder sie eine Pfote an meinem Kinn.

 

Vielleicht kann ich es irgendwann mal genießen, dass ich nun einfach so nachts weggehen  könnte. Oder für eine Reise zwischen Spanien und Deutschland keinen Mietwagen und minutiöse Planung brauche sowie eine katzengerechte Umgebung am Zielort. Dass ich zuhause rückwärts treten kann, ohne mich vorher umzusehen und meine Schuhe nun auch mal auf dem Boden stehen lassen kann. Keine Katzenhaare mehr auf Pullovern und im Gesicht – wie soll das gehen?

Als ich heute nacht im Bett lag inmitten der Geräuschkulisse eines Festivals (bloß bequemer als im Schlafsack), da war jedoch nur Trauer in mir, weil ich mich daran erinnerte, dass das Leben damals, bevor Luna einzog, viel flacher war. Die Welt hatte eine Dimension weniger in den paar Jahren, in denen gar kein Tier bei mir wohnte – obwohl ich jederzeit tanzen gehen konnte.

Ich danke dir so sehr mein Lunchen, dass du Jahr für Jahr immer noch ein bisschen länger geblieben bist. Doch dadurch ist es schon fast nicht mehr vorstellbar gewesen, dass du irgendwann wirklich mal gehst. Ich danke dir, dass ich für dich da sein durfte all die Jahre, es war mir eine Ehre – und danke, dass du für mich immer da warst, immer vorsichtig, geduldig, liebevoll, zurückhaltend, aber auch manchmal stur und beharrlich, wenn ich das brauchte. Danke, dass ich bei dir sein konnte während dieser letzten Reise, ich hoffe, ich habe das meiste richtig gemacht.

Heute ist es eine Woche her. Deine Schüsselchen stehen noch an ihrer Stelle, dein Kratzbaum, dein Klo, deine Decken, deine Transporttasche. Oben auf dem Schrank steht die große Box, in der wir dich letztes Jahr mit dem Auto nach Spanien gebracht haben. Du warst so toll auf dieser Reise. Es ist schwer. Es ist leer. Aber du bist vielleicht ganz nah. Wenn man den Menschen glaubt, die mit Verstorbenen reden und sie sehen können, dann ist es sogar möglich, dass du heute abend beim Tatort neben uns auf dem Sofa sitzt – vielleicht sogar mit Stefan und bei ihm auf dem Schoß? Das wäre schön. Ich bin da. Und ich sende euch Liebe, wo auch immer ihr jetzt seid.

Ich werde versuchen, ab und zu mit deinen Augen und deinem Wesen in das Herz der Dinge zu sehen, um die Dimension der Tiefe nicht wieder ganz zu verlieren, die durch dich in meinem Alltag ständig präsent war.

Mein Seelchen – nun auch du ganz leicht und frei, genieße es!

 

 

 

 

5 Gedanken zu “kleiner Guru

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