Nutze den Tag: zwei Wochen Hausarrest in Spanien

derzeit in Andalusien..

Ich fasse nochmal zusammen: wir sind in Spanien (Näheres dazu in meinem letzten Beitrag) und befinden uns somit seit zwei Wochen in einem streng bewachten Zustand der Ausgangsbeschränkungen. Es ist ausdrücklich nicht erlaubt, spazieren zu gehen. Es ist nicht nur der Strand gesperrt, sondern auch die Strandpromenade, obwohl der Weg über diese zu einigen Einkaufsmöglichkeiten für uns näher wäre. Man darf auch mit Personen aus dem eigenen Haushalt nicht gemeinsam einkaufen gehen.

Liebe Leute in Deutschland, genießt die frische Luft, die ihr euch nicht dadurch ergattern müsst, dass ihr jeden Tag zum Einkaufen in einen Supermarkt gehen müsst, in dem die Ansteckungsgefahr wahrscheinlich höher ist als beim Joggen am Strand. Wobei auch dagegen hier massiv vorgegangen wird: man muss sich nun beim Betreten des Supermarktes Handschuhe anziehen und der Einkaufswagen wird nach Benutzung desinfiziert. Da frage ich mich, warum das nicht jedes Jahr bei Influenza-Wellen auch so gemacht wird, dann würden vielleicht auch daran nicht so viele immunschwache Menschen sterben. Aber vielleicht ist es auch bloß unnötiger, hilfloser Aktionismus, genauso wie die hiesige tägliche Desinfektion ganzer Straßen. Schön hingegen, dass altbekannte Nies- und Handwaschetiketten, auch zum Schutz der Schwächeren, nun von manchen wieder entdeckt werden. Inzwischen läuft fast jeder mit Mundschutz herum. Da man nun aber sowieso die Straßenseite wechselt, wenn man jemanden entgegen kommen sieht, lasse ich mir die frische Luft beim Einkaufsgang nicht auch noch entgehen, indem ich draußen mein Gesicht verhülle..

So versuche ich nun also, mit der Situation sinnvoll umzugehen, die wohl für jeden ihre Ungewissheiten in sich trägt (für uns: geht unser Flug nach Deutschland? können wir derzeit dort auf Wohnungssuche gehen? war das Kratzen im Hals letzte Woche Corona und bin ich nun immun? warum will man offiziell nicht Experten mit unterschiedlichen Einschätzungen zuhören? werden in Zukunft Rentner zu ihrem eigenen Schutz in Schutzhaft genommen, weil Quantität nun doch wichtiger ist als Qualität, was die Lebenszeit angeht? warum erfahren wir in den Medien keine aussagekräftigen Zahlen und vor allem: warum stört das die meisten Menschen nichtmal? wann dürfen wir meine Mutter in den USA wieder besuchen? soll das Ganze (in Aufs und Abs) nun über Jahre gehen und kommen wir aus diesem Zustand überhaupt wieder heraus, wenn die Bevölkerung nun bei jedem Virus, gegen den es keinen Impfstoff gibt, in Angststarre verfällt? gibt es stichprobenartige Tests in der Gesamtbevölkerung, um sich ein unabhängiges ungefähres Gesamtbild von Verbreitung und Auswirkung des Virus machen zu können? etc.), aber auch ihre Chancen (Pflegenotstand beenden, BGE ernsthafter diskutieren, Homeoffice-Praxistest durchführen, Natur schonen, Fleischkonsum überdenken – und nein, es geht nicht bloß um wilde Tiere, die irgendwo in China gegessen werden.., außerdem können wir nun auch mal für uns bislang normale Freiheiten schätzen lernen, das Alleinsein aushalten und nutzen, und und und).

Nutze den Tag

Der Alarmzustands-Alltag sieht bei uns jetzt so aus: Morgens (oft später als sonst) aufstehen und heißes Ingwerwasser trinken. Dann mache ich drei bis dreißig Sonnengrüße, danach gibt es Porridge aus Hafer und Buchweizen mit Obst und wir wechseln nach dem Duschen entweder vom Schlaf- zum Jogginganzug – oder ziehen uns für draußen an, weil wir einkaufen müssen. In gedrückter Stimmung verlässt der Einkäufer (oder wir beide nacheinander) das Haus. Wenn wir zusammen draußen gesehen werden, kann das teuer werden. Jeder geht dann in eine andere Richtung. Zum Glück übernimmt mein Mann meist die unangenehmsten Gänge in die größeren Supermärkte, in denen man nur noch unter Aufsicht von Sicherheitsleuten seinen Einkauf und die dort vorgeschriebenen Desinfektionsmaßnahmen erledigen kann. Ich mache die kleineren Besorgungen: Fernsehzeitung, Reformhaus und Bäcker, dort geht es noch relativ gemütlich zu.

Es ist jetzt in Spanien das Fahrverbot für mehr als eine Person etwas gelockert worden. Das bedeutet, wenn nun zum Beispiel ein Ehepaar zusammen in den nächsten Ort fährt, weil einer dort einkaufen muss und der andere zum Arzt, dann müssen sie jetzt nicht mehr einzeln fahren (also warten, bis der eine zurück kommt), sondern dürfen gemeinsam fahren, aber NUR, wenn der Beifahrer auf dem Rücksitz hinter dem Beifahrersitz sitzt, damit sie genug Abstand haben und sich nicht gegenseitig anstecken können. .. Wenn sie nebeneinander sitzen, dann muss der Fahrer 200 und der Beifahrer 100 Euro zahlen. Neulich habe ich gelesen, dass man sich wundert, dass viele Spanier versuchen, die Einschränkungen zu umgehen, weil sie den Sinn nicht immer erkennen können.

Nach dem morgendlichen Einkauf trinken wir Kaffee und erzählen uns, wie es draußen so gewesen ist. Dann lesen wir, Ebook und das Neueste auf facebook – und ich schreibe, wie sonst auch beim Kaffee draußen. Manchmal üben wir ein bisschen, Swing zu tanzen. Statt Nachrichten gucken wir gerade lieber Serien: Wiederholungen von Mom, Two-and-a-half-man, Charmed.., das lenkt ab. Und sonntags gibt es immer den ganzen Vormittag Hausrenovierungen a la Fixer Upper. Nachmittags lege ich eine Fitness-DVD von Johanna Fellner ein, die ich zum Glück hier habe oder suche mir eine Yoga-Session vom Gaia-Portal aus. Dennoch: die Bewegung reicht kaum, auch fehlt die frische Luft dabei. Wie sonst auch, koche ich täglich aus Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchten, etwas weniger allerdings, da wir aufgrund des geringeren Kalorienverbrauchs auch weniger Hunger haben.

Wenn es warm genug ist, trinken wir nachmittags unseren Kaffee auf dem Balkon und gucken auf’s Meer. Den Fischen da drin gehts wahrscheinlich jetzt besser als zuvor. Ich frage mich, ob nachts nun noch mehr Wildschweine durch den Nachbarort Nerja laufen – oder sich das vielleicht inzwischen schon am Tag trauen. Ich freue mich für die Tiere und für die Erde für diese Verschnaufpause. Also für die Wildtiere, die sich selber versorgen können.

Die freilaufenden Katzen, die immer gefüttert wurden, werden nun vielleicht hungrig bleiben, die Tauben auch. Neulich las ich, dass eine Frau, die an einer Strandpromenade im Nachbarort weiterhin die Katzen gefüttert hat, 200 Euro Bußgeld zahlen musste.

Eigentlich hatte ich gedacht, nun habe ich Zeit zum Spanisch lernen. Aber das ist nicht der Fall, denn Zeit war auch vorher nicht das Problem. Ganz gut lief es, als wir im November mal einen Monat zum Sprachunterricht gegangen sind. Leider verlief sich das dann wieder aufgrund der Feiertage im Dezember.

Pauschaltipps, wie man umgehen kann mit dieser Quarantäne, kann wohl keiner geben. Jeder von uns kommt aus völlig unterschiedlichen Situationen – und auch in völlig unterschiedliche neue Situationen. Nicht jeder hat nun automatisch weniger um die Ohren, sondern viele auch mehr, zum Beispiel mit Kindern. Und das Paar mit Haus und Garten wird die Situation anders wahrnehmen als die Witwe in der stickigen Einzimmerwohnung (die, wenn sie über 65 ist, in manchen Ländern nun gar nicht mehr an die frische Luft darf, zu ihrem eigenen Schutz).

Wenn ich jetzt in Deutschland und mitten aus einem stressigen Arbeitsalltag heraus zum Zuhausebleiben in meiner eigenen Wohnung verdonnert wäre, dann würde ich es zumindest anfangs wahrscheinlich noch genießen und endlich mal die Dinge tun, zu denen ich sonst nicht kam. Hier jedoch gibt es nichts zu tun, was ich schon immer mal machen wollte, wir freuten uns im Gegenteil schon auf die Rückreise und auch auf neue Taten und Reisen.

Wer wie ich auch vorher schon zuhause fast täglich sein Fitnessprogramm absolvierte, wird das wohl auch weiterhin tun und interessanterweise essen wir auch nicht mehr Süßigkeiten als vorher, eher weniger.


Die meisten Menschen werden sich nun (noch) weniger bewegen und ich kann nur jedem empfehlen, sich kalorienarm, aber nährstoffdicht zu ernähren, das heißt: viel Gemüse und wenig Fett, sowie die Vermeidung von nährstoffarmen Kohlenhydraten wie weißes Mehl und weißen Zucker, auch Proteine braucht man weniger, wenn man sich weniger bewegt. Wer sinnvolle Vorräte anlegen will, sollte Vollkornreis und getrocknete Hülsenfrüchte bunkern, die sind günstig, reich an Nährstoffen und nehmen wenig Platz weg,  außerdem Nüsse und Trockenfrüchte.

Regelmäßiges Lüften ist wichtig und spazieren zu gehen, wenn es noch erlaubt ist. Außerdem ist es ratsam, öfter mal vom Sofa aufzustehen, sich in alle Richtungen zu strecken und zu dehnen, ja und Treppensteigen halt. Man kann auch zehnmal aufs Sofa steigen und wieder herunter oder zehn Jumping Jacks machen (auch bekannt als Hampelmann). Wer sich etwas mehr fordern möchte, aber keine Lust auf längere Übungsabfolgen hat, dem empfehle ich je nach Lust und Fitnesslevel Sonnengrüße oder Burpees. Diese Bewegungsmuster trainieren den ganzen Körper auf einmal. Bewegungstechnisch ist der Sonnengruß ein Burpee in Zeitlupe. Liegt der Schwerpunkt auf Dehnung und Atmung, ist der Sonnengruß empfehlenswert, für schnelleres Auspowern und Kraftaufbau eignet sich der Burpee. Einfach mal aufstehen und ein paar oder auch nur einen machen, das geht auch beim Fernsehen. Anleitungen gibt’s im Internet.

Natürlich ist diese Zeit auch eine tolle Möglichkeit, mal eine Fitness-App zu testen oder sich ein eigenes Programm zusammenzustellen. Viele Online-Fitnessräume bieten jetzt vermehrt kostenlose Zeiten an, einfach mal googeln. Und für manch anderen ist nun sicher auch der richtige Zeitpunkt gekommen, endlich mal Spanisch oder Russisch online, zum Beispiel in Sprachlern-Apps zu lernen.

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Um acht Uhr abends gehen wir auf den Balkon und klatschen. Das ist hier im Viertel irgendwie gespenstisch, aber auch ganz schön. Wir sehen das abendliche Meer und alle Balkone der Ferienwohnungen gegenüber sind leer. Auf unserer Seite sind vielleicht noch drei oder vier Wohnungen bewohnt, doch wer auch immer da noch klatscht: wir können es nur hören, aber keinen sehen. Dennoch tut es gut, dass sich noch andere Menschen bemerkbar machen. Die richtige Klatschparty findet eher an der Hauptstraße und in den großen Blocks statt, das hören wir dann von weitem. Es freut mich für die Pflegekräfte, dass sie nun endlich mal Beifall bekommen, obwohl sie es ja nicht erst jetzt verdienen – und ich hoffe, dass nun daraus auch ein größeres Verständnis dafür erwächst, dass sie mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen erhalten – europaweit, weltweit. Wenn die Menschen, die uns im Notfall pflegen und verarzten, keine Freude mehr an diesen Tätigkeiten haben können, wie sollte es uns als Gesellschaft dann gut gehen können? Da reicht auf Dauer auch kein Beifall. Doch das Klatschen dient glaube ich den meisten inzwischen auch dazu, einmal am Tag irgendwie mit der Außenwelt nicht nur medial in Kontakt zu treten.

Virale Angst vermeiden

Wer seine Abwehr nicht durch Befürchtungen schwächen will, sollte nicht den ganzen Tag Sondersendungen über einen Virusinfekt schauen, zumal die veröffentlichten Fallzahlen irreführend und nichtssagend sind. Und da leider in den Medien momentan nur Meinungen und Bilder erwünscht sind, die die derzeitigen Maßnahmen rechtfertigen, ist es eigentlich langweilig und auch meistens nichts Neues zu erfahren. Einmal am Tag Nachrichten zu schauen reicht uns jedenfalls, um auf dem aktuellen Stand der Dinge zu bleiben und planen zu können (oder zu erfahren, dass man noch nichts planen kann).

Achso: was ich manchmal zusätzlich zu den Nachrichten gucke, ist Stern-TV mit Professor Hendrik Streeck, er hat es irgendwie geschafft, trotz seiner „Keine-Panik“-Haltung noch in den öffentlich rechtlichen Medien auftreten zu dürfen. Wahrscheinlich weil man ihm nun absolut nicht vorwerfen kann, er wisse nicht, wovon er redet, denn er untersucht echte Covid-19-Fälle. Er versteht es ganz gut, manche wirklich interessanten Informationen unauffällig in Nebensätze zu packen – und wenn er doch mal zu unbeschwert wirkt, wird es gleich wieder wegmoderiert.. aber gut so, so bleibt er uns wenigstens hoffentlich erhalten..

Ansonsten kann man diese ungewöhnliche Zeit auch dafür nutzen, sich im Zuge möglicher Einsamkeiten mit spirituellen Themen, erfreulicher Motivation und Entspannungstechniken zu befassen. Auch Freude stärkt die Abwehr, also sorgt selber dafür, dass sie nicht zu kurz kommt!

Ich wünsch euch was, bis bald :)

4 Thoughts

  1. Liebe Janine,
    ein wunderbarer Artikel oder Text. Er hat mir gut getan.
    Ich habe hier eine große Wohnung, etwas Garten und kann spazieren gehen mit Abstand. In den Supermarkt geht eine junge Frau aus dem Haus für mich.
    Trotzdem fühle ich mich von jetzt auf gleich ausgebremst. Kein Theater, kein Museum, kein Kino, keine Umarmungen. Ich hätte soviel zu „tun“, habe aber keine Lust…….
    Nach ziemlicher Erkältung bin ich auf dem Weg der Besserung.
    Also, was soll die Klagerei…….
    Ich umarme dich und grüße deinen Mann
    Astrid

    Gefällt 3 Personen

  2. liebe janine,
    bei mir hier, auf dem campo, hat sich durch die ausgangssperre nichts verändert.
    morgen muss ich aber das erste mal mein grundstück verlassen und in den supermarkt um lebensmittel für einen monat einzukaufen. bin echt gespannt, was mich erwartet.
    haltet durch und liebe grüsse
    geno

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Geno, danke und viel Spaß beim Einkaufen, zumindest sind hier die Regale inzwischen wieder gut gefüllt, ich hoffe, bei euch dann auch! Ansonsten auch für dich alles Gute und ganz liebe Grüße !!

      Gefällt 1 Person

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